Arbeitsmarkt

Neue Lehrer braucht das Land

Doch das Wichtigste fehlt: die BewerberInnen. Für die neue LehrerInnen-Generation entsteht so ein völlig neuer Arbeitsmarkt: Heiß umkämpft können sie selbst (fast) frei wählen, wo sie unterrichten möchten. Rosige Zeiten für den Nachwuchs?

von Prof. em. Dr. Klaus Klemm

Der Trend geht nach obenDie seit Jahren angekündigte Wende auf dem Teilarbeitsmarkt Schule ist inzwischen eingetreten: Während in den Neunzigern im Jahresdurchschnitt bundesweit 15.000 LehrerInnen neu eingestellt wurden, stieg diese Zahl in den letzten zehn Jahren auf 24.000. NRW hat an dieser Entwicklung mit zuletzt durchschnittlich etwa 6.300 Neueinstellungen pro Jahr teilgenommen.

In Folge stark steigender Pensionierungszahlen wird erwartet, dass die Zahlen bis 2020 bundesweit weiter steigen: auf 26.000, wenn die Länder den Rückgang der Schülerzahlen zum Einsparen nutzen; auf 36.000, wenn alle durch sinkende Schülerzahlen frei werdenden Stellen den Schulen erhalten bleiben. Da für NRW keine aktuelle Prognose vorliegt, kann nur geschätzt werden, dass hierzulande bis 2020 jährlich zwischen 6.000 und 8.000 Lehrkräfte eingestellt werden – je nach politischer Prioritätensetzung.

Nachwuchszahlen – die große UnbekannteEs ist schwer zu sagen, ob der LehrerInnen-Bedarf in NRW gedeckt werden kann: Seit Einführung der Bachelor/Master-Struktur geben StudienanfängerInnen bei der Einschreibung ihr Berufsziel nicht mehr an. Die „Philosophie“ des Bachelor-Studiums baut ja gerade darauf, dass dessen AbsolventInnen für unterschiedliche Berufsfelder ausgebildet werden. Seit 2006 ist die Zahl der LehramtsstudienanfängerInnen in NRW deshalb die große Unbekannte. Das ist übrigens einer der Gründe dafür, dass das zuständige Schulministerium einstweilen keine Prognosen zur Entwicklung auf dem Teilarbeitsmarkt Schule mehr vorlegt.

Unterstellt man hilfsweise, dass die Zahl der StudienanfängerInnen wie in der Vergangenheit bei jährlich etwa 10.000 liegt, so wollen davon erfahrungsgemäß nach Studium und Referendariat nur etwa 5.000 ausgebildete LehrerInnen tatsächlich in die Schule – noch nicht einmal genug, um wenigstens den Bedarf der Sparvariante zu decken.

Große Unterschiede in Fächern und SchulformenGleichwohl wird es in NRW einen gespaltenen Arbeitsmarkt geben. Folgt man aktuellen Beobachtungen und älteren Informationen aus dem Schulministerium, lässt sich sagen: Der Arbeitsmarkt für Lehrende an Grund- und Förderschulen wird ausgeglichen sein, an Gymnasien sind dauerhaft Überschüsse zu erwarten, in den nicht gymnasialen Schulformen der Sekundarstufe I und in den Berufskollegs wird Mangel herrschen. Fachspezifisch gilt für alle Lehrämter – auch für das an Gymnasien – dass die Einstellungschancen mit den Fächern Mathematik, Physik und Englisch als gut bis sehr gut einzuschätzen sind. Die Fächer Deutsch und Geschichte werden an Gymnasien weniger gefragt sein. Für Berufskollegs dürften insbesondere Lehrende mit Mathematik und den gewerblich-technischen Unterrichtsfächern sehr gefragt sein.

Es klingt paradox, aber: Auch in Zukunft wird es – bei einer generell durch Mangel gekennzeichneten Lage – auf dem Teilarbeitsmarkt Schule Mangel und Überschuss zugleich geben.

Prof. em. Dr. Klaus Klemm ist Bildungsforscher.

In: punktlandung 2010.1

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