Schule und Bundeswehr

Im Fadenkreuz

Nachwuchssorgen und Imageprobleme – die Bundeswehr kämpft aktuell an mehreren Fronten. Doch die Grundstimmung in einem Land zu verändern, ist gar nicht so leicht. In der Schule versucht die Bundeswehr deshalb, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

von Michael Schulze von Glaßer

Die deutsche Armee hat zwei grundlegende Probleme. Das erste betrifft das Personal: Im Jahr 2009 hätte die Bundeswehr 23.700 neue SoldatInnen einstellen müssen, konnte aber nur 21.784 für den Dienst an der Waffe gewinnen. Mit der Aussetzung der Wehrpflicht wird sich die Personalnot weiter verschärfen. Das zweite Problem betrifft die mangelnde Akzeptanz von Auslandseinsätzen in der Bevölkerung: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der Tageszeitung Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Mai 2010 lehnen 65 Prozent der Befragten den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ab. Die Bundeswehr ist sich beider Probleme bewusst und versucht mit gezielter Nachwuchswerbung und Öffentlichkeitsarbeit gegenzusteuern. Dabei nimmt sie besonders SchülerInnen ins Visier.

Die Bundeswehr macht SchuleJugendoffiziere, junge Frauen und Männer mit langjähriger militärischer Erfahrung, bilden seit 1958 die Speerspitze des Militärs, wenn es um die Beeinflussung junger Menschen in Schulen geht. Heute gibt es bundesweit etwa 94 haupt- und 300 nebenamtliche Jugendoffiziere. Ihre Bilanz in 2009: 7.245 Veranstaltungen mit 182.522 TeilnehmerInnen – davon mindestens 160.000 SchülerInnen. Die jung und cool wirkenden Jugendoffiziere referieren vor Schulklassen über Themen wie „Soldaten als Staatsbürger in Uniform“ oder „Auslandseinsätze der Bundeswehr“. Oder sie führen SchülerInnen, LehrerInnen, Studierende und ReferendarInnen durch das mehrtätige Simulationsspiel „Politik & internationale Sicherheit“ (kurz: POL&IS). Das rundenbasierte Planspiel soll vermitteln, dass Militär ein normales Mittel der Politik und militärisches Eingreifen oft unabdingbar sei.

Türöffner KooperationsvereinbarungDamit die jungen SoldatInnen ungehindert an Schulen werben können, wurden seit 2008 in mittlerweile acht deutschen Bundesländern Kooperationsabkommen zwischen dem jeweiligen Landesschulministerium und der Bundeswehr unterzeichnet. Auf NRW folgten das Saarland, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und zuletzt Sachsen. Neben den Veranstaltungen der Jugendoffiziere im Klassenzimmer sehen die Vereinbarungen auch vor, die Bundeswehr in die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften einzubinden.

Wo fängt Werbung an?Immer wieder betonen Jugendoffiziere, keine Nachwuchswerber zu sein – sie informierten nur über Sicherheitspolitik und die Bundeswehr. Dies erscheint höchst fraglich, denn wer junge Menschen für den Soldatenberuf gewinnen möchte, muss sie im ersten Schritt vom Sinn der Armee und ihren Einsätzen überzeugen. Oft ist die Bundeswehr aber auch direkt mit Wehrdienstberatern an Schulen aktiv: Bei rund 12.600 Wehrdienstberatungsveranstaltungen wurden 2009 mehr als 280.000 SchülerInnen erreicht. Neben eigenen Veranstaltungen wirbt die Bundeswehr mit Anzeigen in Schülermedien für den Dienst an der Waffe – etwa in der Zeitung SPIESSER, die bundesweit mit einer Auflage von einer Million Exemplaren an Schulen ausliegt. Auch eigene Lern- und Aufgabenhefte mit dem wohlklingenden Titel „Frieden & Sicherheit“ werden vom Bundesministerium der Verteidigung herausgegeben. Ein breites Spektrum, in dem die Grenze zwischen direkter und indirekter Werbung verschwimmt.

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht wird die Bundeswehr ihren Werbefeldzug ausbauen, um genügend Nachwuchs zu finden und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Wer die Zielgruppe ist und wo sie abgeholt werden muss, verriet Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg der Berliner Morgenpost (29. Oktober 2010): „Die Schule ist der richtige Ort, an dem wir junge Menschen erreichen.“

Michael Schulze von Glaßer ist freier Journalist und Mitglied im Beirat der Informationsstelle Militarisierung.

In: punktlandung 2011.1

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