Gewerkschaft + Wissenschaft 2/2011

Hochschulen im Wettstreit

Gut – besser – exzellent? Die GEW könnte es sich einfach machen: für angemessene Gehälter ihrer Mitglieder eintreten, mehr Geld für Hochschulen fordern – und Achsel zuckend zur Kenntnis nehmen, wenn die Studierenden über eine miese Qualität der Lehre klagen oder die Qualität der Forschung in Verruf gerät. So einfach macht es sich die Bildungsgewerkschaft aber nicht.

von Dr. Andreas Keller

Auf der einen Seite für bessere Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der in Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement tätigen KollegInnen einzutreten und sich auf der anderen Seite für eine bestmögliche Qualität von Forschung und Lehre einzusetzen, sind kein Widerspruch. Im Gegenteil: „Gute Lehre und Forschung auf der einen Seite sowie gute Arbeitsbedingungen und berufliche Perspektiven auf der anderen Seite sind zwei Seiten einer Medaille“, heißt es in der Präambel des Templiner Manifests für den „Traumjob Wissenschaft“.

Wenn 83 Prozent aller wissenschaftlichen MitarbeiterInnen mit Zeitverträgen abgespeist werden und über die Hälfte dieser Zeitverträge eine Laufzeit von unter einem Jahr haben, dann ist das eben nicht nur schlecht für die betroffenen KollegInnen, auch die Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre sind massiv gefährdet. Wenn das die Hochschulleitungen nicht selbst erkennen, muss die Politik eingreifen: etwa indem sie die Finanzierung der Hochschulen von der Einhaltung eines „Kodex guter wissenschaftlicher Arbeit“ abhängig macht, der sicherstellt, dass Hochschulen ihre Daueraufgaben auf Dauerstellen erledigen, Mindestlaufzeiten für Zeitverträge garantieren und auf Tarifflucht verzichten. Gerade eine Regierung, die sich für Tariftreueklauseln und Mindestlöhne stark macht, sollte sicher stellen, dass ihre eigenen Hochschulen, an denen bundesweit ein Viertel aller Studierenden ausgebildet werden, anständige Beschäftigungsbedingungen bieten.

„Gut – besser – exzellent?“ – mit dieser Steigerung provozierte die 5. GEW-Wissenschaftskonferenz im September 2011 am Weißenhäuser Strand in Schleswig-Holstein, um als Ergebnis der Konferenz in den „Weißenhäuser Eckpunkten“ klar zu stellen: „Qualität darf nicht durch Exklusion erkauft werden.“ Mit anderen Worten: Wir brauchen gute Hochschulbildung für alle! Wer glaubt, exzellente Spitzenforschung ließe sich ohne einen nachhaltigen Ausbau guter Lehre und Forschung in der Breite erreichen, irrt. Die Exzellenzinitiative hat einen allenfalls bescheidenen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsqualität geleistet, untergräbt aber die Kontinuität und Stabilität wissenschaftlicher Arbeit und vernachlässigt die Qualität der Lehre. In den „Weißenhäuser Eckpunkten“ wird daher vorgeschlagen, die Exzellenzinitiative in ein Programm zur Stabilisierung von Beschäftigungsverhältnissen in der Wissenschaft zu überführen.

Die GEW ist bereit, sich auf eine Debatte über die Verbesserung der Qualität von Forschung, Lehre und Studium einzulassen. Diese Debatte darf aber weder auf einen Exzellenz-Diskurs verkürzt werden, noch darf sie zur exklusiven Aufgabe einer selbst ernannten Expertokratie werden. Qualitätsentwicklung ist vielmehr Anliegen aller am Wissenschaftsprozess beteiligten und von diesem betroffene Gruppen. Was gute Lehre und Forschung ausmacht, kann nicht Top-down von den Ministerialbürokratien, Hochschulleitungen und Lehrstuhlinhabern bestimmt werden, sondern nur als Ergebnis eines partizipatorischen Aushandlungsprozesses. Wer über die Qualität der Wissenschaft redet, darf daher auch nicht zum Abbau von Mitbestimmung in der „unternehmerischen Hochschule“ schweigen.

Andreas Keller ist Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands und Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung der GEW.

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