Uni und Bundeswehr

Wissenschaft in Tarnfarben

Militaristische Einflüsse gibt es nicht nur in der Schule – sie ziehen sich durch das gesamte Bildungssystem: Gut möglich, dass die Bundeswehr im Studium noch einmal anklopft. Neinsagen fällt den Unis oft schwer, denn Drittmittelquote und Exzellenzoutput drängen sie geradezu in zweifelhafte Allianzen.

von Stefan Brackertz

Militaristische Schönfärberei„Beim Berliner Modell gibt es nur Gewinner. Die Streitkräfte gewinnen qualifiziertes Personal für eine hochwertige Verwendung. (...) Und auch die Wirtschaft profitiert von diesem Modell der Kooperation im Sinne eines Kreislaufes. (...) Denn ein Großteil der Soldaten auf Zeit steht nach ihrer Bundeswehrkarriere den Unternehmen besser qualifiziert wieder zur Verfügung.“ So heißt es auf den Internetseiten der Bundeswehr über das Berliner Modell, die gemeinsame „Ausbildungsoffensive von Bundeswehr und privater Wirtschaft“. Die Menschen, die hier für eine „hochwertige Verwendung“, die eben auch Krieg sein kann, „zur Verfügung“ stehen sollen, kommen dabei nur als Werkzeuge vor. Bei ihrem Recycling „im Sinne eines Kreislaufes“ gewinnen sowohl Bundeswehr als auch private Wirtschaft. Die mit zwei Dritteln konstant hohe Kriegsablehnung der Menschen soll dagegen keine Bedeutung haben.

Freiheit für die Wissenschaft„Nie wieder Krieg!“ – diese Lehre aus dem Nationalsozialismus war entscheidend bei der Gestaltung unseres Grundgesetzes. Nachdem die Hochschulen während des Faschismus mit opportunistischem Eifer ideologische und technische Zuarbeit geleistet und dadurch Vernichtung und Krieg erst ermöglicht hatten, garantierte das Grundgesetz die Freiheit der Wissenschaft von der Einflussnahme durch Partikularinteressen. Sie wurde 1968 zu dem Anspruch weiter entwickelt, für Frieden und die Humanisierung der Lebensbedingungen zu arbeiten sowie Ideologien zu verdrängen, die Krieg und soziale Ungleichheit als natürlich und unveränderbar erklären.

Zweifelhafte AllianzenDagegen etabliert der neoliberale Umbau der letzten Jahre – als Freiheit oder Autonomie verbrämt – überall Konkurrenz statt Kooperation: Jeder gegen jeden und Europa gegen den Rest der Welt im Kampf der Wirtschaftsstandorte bis zum Krieg. „Befreit“ von Muße, Erkenntnisinteresse und Demokratie sollen sich Hochschulen in Zukunftsangst und finanzieller Bedrängnis trimmen, um den in credit points und Drittmittelquote gemessenen Kompetenz- und Exzellenzoutput zu erhöhen. Die Inhalte werden dadurch austauschbar, was jeder Indienstnahme systematisch zuspielt.

Hochschulen sollen so nicht nur konsequent den Geld- und Arbeitgebern dienen, sondern durch ihre kulturelle Verfasstheit und ihre Ideologieproduktion das Recht des Stärkeren reproduzieren. Unter dem Druck der Drittmittelorientierung werden nicht nur Waffen entwickelt, sondern auch Ausbeutung und Kriege ideologisch gerechtfertigt; verbreitet ist auch Wehrmedizin zur Erhöhung der Recyclingquote.

Zivilklauseln gegen die MilitarisierungGegen die Militarisierung streiten an vielen Hochschulen Gruppen für Zivilklauseln. Das sind Selbstverpflichtungen der Hochschulen, nicht mit Militär und Rüstungsindustrie zu kooperieren. Inzwischen haben die Linke und in Baden-Württemberg auch die SPD und die Grünen diese Forderung in ihre Wahlprogramme übernommen und auch bei der Novellierung des Hochschulgesetzes in NRW wird sie zur Sprache kommen. Entscheidend wird dabei sein, ob es gelingt zu bestimmen, dass Hochschulen allgemeinwohlorientiert sein und die großen Herausforderungen der Epoche ernsthaft in Angriff nehmen müssen: Frieden, Arbeit, Energie, Ökologie und Demokratie.

Stefan Brackertz ist Mitglied der GEW-Hochschulgruppe Köln und des Arbeitskreises Zivilklausel der Uni Köln.

In: punktlandung 2011.1

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