Studenten unterstützen Lehrer

Aufklärung auf Augenhöhe

Sexualunterricht ist für viele LehrerInnen und SchülerInnen oft ein brisantes und peinliches Thema. Aufklärung ist aber wichtig – nicht nur weil es im Lehrplan steht. Das bundesweite Projekt „Mit Sicherheit verliebt“ ist eine Alternative für LehrerInnen. Hier reden Studierende mit den SchülerInnen ganz offen über Verhütung, Pornografie und Geschlechtsorgane. 

VON OLE ENGFELD

Aufklärungsunterricht in der Schule ist oft schwierig zu handhaben. Keiner traut sich wirklich locker und offen über intime Probleme und unbeantwortete Fragen mit den LehrerInnen zu sprechen. „Manchen Schülern liegen Sachen auf dem Herzen, bei denen sie nicht wissen, wohin damit“, sagt Beatrix Fritsch. „Wenn sie das dann endlich bei uns loswerden können, sind sie sichtlich erleichtert.“ Die 22-jährige Medizinstudentin gehört zum Projekt „Mit Sicherheit Verliebt“ (MSV), in dem sich bundesweit circa 400 Studierende für eine bessere Aufklärung bei Kindern und Jugendlichen engagieren. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen Arkadius Goralski leitet sie ein Lokalprojekt in Essen. Seit zwei Jahren gehen sie und weitere zehn Mitglieder im mittleren Ruhrgebiet in Klassen und sprechen mit den SchülerInnen über Sex und alles, was dazu gehört.
„Ich kenne solche Situationen aus meiner eigenen Schulzeit“, erzählt der 24-jährige Arkadius Goralski. „Mein Biolehrer war auch gleichzeitig mein Klassenlehrer. Richtig offen wollte und konnte ich nicht mit ihm über das Thema Sex sprechen, weil ich ihn jeden Tag sah.“ Deswegen gestalten die Studierenden den Aufklärungsunterricht alleine – ohne LehrerIn. „So können wir viel offener mit den Schülern sprechen“, erklärt Arkardius Goralski. Die Lehrkraft ist als Aufsichtsperson zwar in der Nähe, aber nicht im gleichen Raum.
Wichtig ist es den Studierenden, eine entspannte Arbeitsatmosphäre zu schaffen. „Wir machen alles aktiv mit“, sagt Arkadius Goralski. Beatrix Fritsch ergänzt: „Auch wegen unseres jungen Alters können wir uns so mit den Schülern identifizieren und lockerer arbeiten. Das baut Hemmschwellen ab.“
Die Jugend ist gut aufgeklärt – es hakt aber an den Details
Bisher haben die Studierenden hauptsächlich mit SchülerInnen im Alter von 12 bis 18 Jahren gearbeitet. Aber Aufklärung ist in allen Jahrgängen möglich. Die Inhalte passt das MSV-Team individuell auf das Alter der SchülerInnen an. „Aufklärungsarbeit hört nie auf“, erklärt Beatrix Fritsch. Das merken die angehenden Mediziner immer wieder. Zwar halten sie die Jugend in Deutschland für gut aufgeklärt, aber meistens hakt es an den Details. „Jeder kennt Kondome und weiß wie sie aussehen, aber die wenigstens können sie richtig benutzen“, sagt Arkadius Goralski. Ähnlich sieht es bei Geschlechtskrankheiten aus wie Beatrix Fritsch erklärt: „Jeder kennt sie, aber keiner weiß, wie sie sich bemerkbar machen.“ Ebenso wichtig sei das Thema Pornografie. „Man muss den Schülern schon genau erklären, dass Pornos nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben“, berichtet Arkadius Goralski.

Schweigepflicht für alle TeilnehmerInnenEinen Schultag lang findet der Aufklärungsunterricht statt – in Teilen auch geschlechtergetrennt. Darauf sind auch die Inhalte ausgelegt.
Es gibt aber auch Regeln. Das Handyverbot ist eine davon. Dass niemand dazu gezwungen wird, etwas zu sagen, eine andere. Eine Regel ist den Studenten besonders wichtig: „Was im Raum besprochen wird, bleibt auch dort.“ Daran haben sich die SchülerInnen und auch die Studierenden zu halten. „Wir garantieren den Schülern eine Art Schweigepflicht“, sagt Arkadius Goralski.
Bevor das MSV-Team an die Schule kommt, treffen sie sich mit den Lehrern zu einem Vorgespräch. Dort stellen sie ihr Projekt und den Tagesablauf vor. Außerdem verteilen sie einen Elternbrief mit allen wichtigen Infos. Das Projekt soll die Aufklärung aber nicht komplett übernehmen. „Wir sind eine Alternative zum klassischen Sexualunterricht. Wir wollen die Lehrerinnen und Lehrer unterstützen und eine gute Ergänzung sein“, sagt Beatrix Fritsch. Dazu gibt es im Anschluss an die Veranstaltung auch Feedback für die Lehrkräfte. Hier klären die MSVler welche Themen in Zukunft noch behandelt werden sollten.

30 Lokalprojekte bundesweit – vier in NRWFür ihr ehrenamtliches Engagement besuchen die Studierenden regelmäßig Workshops. Dort lernen sie den Umgang mit Klassen, Fachinfos und auch wie es ist, mit schwierigen SchülerInnen oder Situationen zu arbeiten. Weitere Lokalprojekte in Nordrhein-Westfalen sind in Aachen, Bonn, Düsseldorf, Köln und Münster – bundesweit gibt es knapp 30 Ortsverbände.
Im Jahr 2001 hat die Arbeitsgruppe „Sexualität und Prävention“ der „Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V.“ (bvmd)  das MSV-Projekt gestartet. Interessierte müssen nicht zwangsläufig Medizin studieren. Auch ReferendarInnen und Studierende aus anderen Fachbereichen sind willkommen.

MEHR INFOS

  • Fotostrecke: MSV-Projekt Essen

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