Lehrerausbildung

Sei ein Superheld!

Sie sind der Schlüssel für eine zukunftsfähige Gesellschaft. Sie sind beGEISTert und beGEISTern andere. Sie arbeiten im Dienst der Individual- und Sozialentwicklung. Ein Job für Superhelden? Von wegen: LehrerInnen machen das jeden Tag.

von Otto Herz

Was ist denn eine Lehrerin, ein Lehrer? Die Theologin und Pazifistin Dorothee Sölle meint: Wer LehrerIn werden möchte, brauche nicht nur eine Lehre, sondern Wissen, das mit der eigenen Person eng verknüpft ist. „Die lehrende Person braucht nicht nur Geistesschärfe, Verstand und Wissen. Vielmehr muss sie für etwas stehen, sie muss etwas bezeugen. Es muss erkennbar sein, was zu lieben und was zu verachten ist“ (aus: Gegenwind. Erinnerungen).

Entwickel’ Deine LehrerInnen-Persönlichkeit!Nun wird mir wahrscheinlich entgegen gehalten, dass ich das LehrerInnenbild so überhöhe, dass die meisten angehenden LehrerInnen nur dahinter zurückbleiben können – mit der Folge, dass erneut und vermehrt über „die Lehrer“ geklagt wird. Weil ich dies aber gerade nicht will, zeige ich hier fünf absichtsvoll überraschende Wege auf, wie auch DU zu einer LehrerInnen-Persönlichkeit werden kannst, die Dorothee Sölle – und gewiss auch vielen anderen – vorschwebt.

Klar: Es gibt über diese fünf Wege hinaus weitere. Überlege Dir, welche Dir selbst wichtig sind. Wenn Du findest, dass diese Wege in der Universität nicht oder kaum zu gehen sind, dann weißt Du: Eine wirklich gute Lehrerin, ein wirklich guter Lehrer wirst Du wahrscheinlich nicht, wenn sich Deine Lehr- und Lern-Qualifikationen nur im Hörsaal entwickeln sollen.

1. Freunde Dich mit dem Fremden an.LehrerInnen sind Anreger, Begleiter und Unterstützer beim permanenten Aufbruch in die Neuländer des Entdeckens. Deshalb müssen sie selbst immer wieder auf- und ausbrechen. Sie begeben sich in soziale Milieus, die sie bisher nicht kennen. Sie erkunden die Kulturen der Welt und ihre Heiligtümer. Kurz: Wer Neuland entdecken will, muss sich auf Reisen begeben – am besten auf solche, bei denen mit Überraschungen zu rechnen ist.

2. Erkunde Deine eigene Biografie.Mache Dir klar, was Dich geprägt hat. Was Du noch heute positiv ansiehst, weil es Dir Wurzeln gegeben und Flügel verliehen hat. Aber auch, was Du heute als negativ ansiehst, weil es Dich beengt, bedrängt, ängstlich und ohnmächtig gemacht hat. Nur wer seine eigene Biografie mit all ihren Wegkreuzungen verstanden hat, wird offen sein für die Vielfalt der Persönlichkeiten, die Kinder und Jugendliche immer sind.

3. Sei fasziniert von – mindestens – einer Sache.Seien es die Sterne am Himmel oder die Kröten in den Höhlen. Die eigene Faszination gegenüber Sachen dünstet von Menschen aus und zieht Lernende in ihren Bann, nicht durch Belehrung, sondern durch gelebtes Fragen und Forschen, Sammeln und Suchen.

4. Leite eine Jugendgruppe.Um in offenen, sozialen Erlebnisformen zu beeindrucken, hast Du in der Regel nicht viel mehr als Deine eigene Person. Erprobe, ob Du auf Gruppen und in Gruppen Wirkungen entfalten kannst, ohne Dich auf eine formale Autorität oder Machtmittel wie die Notenvergabe berufen zu können. Beispielgebende Person zu sein ist wichtig, weniger wichtig ist es, verbeAMTet zu sein.

5. Wachse in Deiner Zivilcourage.Zivilcourage fällt leider nicht vom Himmel. Sie kann und sollte aber gelernt werden, weil sie der wirksamste Schutz davor ist, dass eine Gesellschaft in Konformität untergeht. Übe also Widerspruch. Leiste Widerstand. Nicht aus Prinzip, aber immer wenn Minderheiten verlacht oder ausgegrenzt werden, wenn Du Regeln und Erlassen folgen sollst, deren Sinn Du nicht erkennen kannst. Mache Deinen Widerstand öffentlich und organisiere ihn als sozialen Prozess.

Otto Herz ist Reformpädagoge und Diplompsychologe.

In: punktlandung 2010.2

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