Arbeitsalltag in der Kita

Spagat zwischen Groß und Klein

Im Kita-Alltag stehen ErzieherInnen täglich vor der Herausforderung, den unterschiedlichsten Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden. Gerade in altersgemischten Gruppen sind die Anforderungen hoch. Ein Vormittag in der Familiengruppe des Montessori Kinderhauses in Düsseldorf.

von Denise Heidenreich

Mittwochmorgen, 8.00 Uhr. Weißer Nebel hängt über dem Kinderhaus im Düsseldorfer Stadtteil Urdenbach. Es ist kalt und riecht ein bisschen nach Schnee. Drinnen ist das Licht gedämmt, durch die breite Fensterfront im ersten Stock fallen erste Sonnenstrahlen. Es ist Ankunftszeit. Die Tür zum Raum der Grünen Gruppe geht auf. Ella stürzt hinein, läuft fröhlich auf Erzieherin Karina Klaus zu und schüttelt ihr die Hand. „Duuu, Frau Klaus, das Ei hat jetzt einen richtigen Knacks.“ „Ach was, wirklich?“ Geduldig lauscht die 27-Jährige der Geschichte vom Dino-Ei, dessen Bewohner kurz vorm Schlüpfen ist. „Das musst du gleich in der großen Runde erzählen.“ Seit 7.30 Uhr begrüßt die Erzieherin ihre eintreffenden Schützlinge, ein neunstündiger Arbeitstag liegt vor ihr.

Während sie Ella zuhört, schmiegt sich die kleine Pippa auf ihren Schoß. Am selben Tisch sitzt der dreijährige Oskar, der zwischendurch Hilfe bei seinem Spiel braucht. Mia hat ein Indianerbild gemalt und will es an die Wand pinnen. Sebastian erzählt, dass er beim Karnevalsumzug als Ninja geht, Indianer sind uncool. Luis brüllt, er will bei seiner Mama bleiben. Rosalie und Anton kuscheln mit Erzieherin Stefanie Meier (Name von der Redaktion geändert) auf dem blauen Sofa und schauen sich das Bilderbuch „Ich bin schon so groß“ an. In der gruppeneigenen Küche frühstücken vier Knirpse. Den Tisch dafür haben sie selbst gedeckt. Erst, wenn alle fertig sind, räumen die letzten die Teller und Tassen in die Spülmaschine. Und dabei helfen auch die Kleinen. Erziehung zur Selbständigkeit ist im Montessori Kinderhaus oberste Prämisse.

17 Knirpse, 17 Bedürfnisse Ohne Multitasking geht hier nichts, das zeigen die kleinen Anekdoten aus dem prallgefüllten Alltag der Familiengruppe, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. 17 Kinder im Alter von anderthalb bis sechs Jahren kommen in die Grüne Gruppe. Alle über Mittag, viele bis 16.30 Uhr. Gemeinsam mit einer weiteren Erzieherin in Vollzeit, einer Ergänzungskraft, die sich mit einer anderen gruppenübergreifenden Erzieherin eine Stelle teilt, und einer Praktikantin im Freiwilligen Sozialen Jahr steht Karina Klaus täglich vor der Aufgabe, den Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Seit die Erzieherin 2009 die Gruppenleitung übernommen hat, ist ihre tägliche To-do-Liste ellenlang: Sprachförderung, Vorlesen, zum Spiel anregen, Kuscheln, mal Kinderkochen, mal Rhythmikhalle, Schlafbegleitung, dazu Gruppenleiter- und Teamsitzungen, Elterngespräche und Entwicklungsberichte. Gar nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen.

Genug Platz und genug Personal Der Kita-Alltag ist anstrengend. Um den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Älteren und der Jüngeren zu schaffen, sprechen sich Karina Klaus und ihre Kolleginnen noch mehr ab, als sie das in einer Ü3-Gruppe tun müssten. „Die kleineren Kinder sind unberechenbarer in ihrem Tun als die Drei- bis Sechsjährigen. Mal eben zur Toilette, das geht nicht – wir müssen ständig präsent sein“, so Karina Klaus. Doch die Grätsche zwischen den Altersgruppen scheint ganz gut zu gelingen. Für diese Anzahl von Kindern ist die Atmosphäre ziemlich entspannt und der viel zitierte Geräuschpegel entgegen aller Erwartungen gering. „Wir achten sehr darauf, dass es nicht zu laut wird – das ist für alle angenehmer“, so Karina Klaus.

Es liegt wohl auch an ihr und ihren Kolleginnen: Alle wirken ausgeglichen, sprechen mit ruhigen Stimmen. Und es sind die räumlichen und personellen Gegebenheiten, die die Arbeit leichter machen. „Wir haben das Glück, dass wir die gesamte Etage oben für uns haben. Und durch den Personalschlüssel haben wir die Möglichkeit, die Gruppe aufzuteilen und auf die einzelnen Bedürfnisse intensiver einzugehen“, erklärt Karina Klaus. Wie gut das für die Kinder ist, zeigen die strahlenden Gesichter von Mia, Sarah, Jan und Leon, als sie im Schneidersitz auf blauen Kissen sitzen. WüPro, ein Sprachlernprogramm für die Vorschulkids, steht an. „Kennt ihr noch die Geschichte vom Kobold, der nur in Silben sprechen kann?“ Fragend schaut Karina Klaus in die Runde. „Jaaaa.“ „Also, welches Wort ist das? D-I-N-O?“ „Dino“, tönt es einstimmig. Dass es hier nicht nur ums Lernen, sondern auch um eine große Portion Aufmerksamkeit geht, verraten die glänzenden Gesichter der vier Vorschulkids. Die Jüngeren zerlegen derweil den Blauen Salon. Im Nebenraum steht die Brio-Eisenbahn und die Puppen haben dort ihr Zuhause. „Hier können sich die Kleinen so richtig austoben“, sagt Stefanie Meier, die auf dem Boden zwischen ihnen sitzt.

Große Kinder, kleine Kinder: Lerneffekt auf beiden SeitenIm Stuhlkreis kommt die Gruppe wieder zusammen. Moritz präsentiert stolz ein kleines Polizeiauto. „Das durfte ich heute mitbringen, weil ich gestern immer Pipi in die Toilette gemacht habe,“ erzählt der Dreijährige freudestrahlend. Dass das schon so toll klappt, verdankt er auch seinen älteren KindergartenkollegInnen. Karina Klaus macht das stolz: „Die Kinder in unserer Gruppe profitieren sehr voneinander: Die Kleinen lernen viel von den Großen und entwickeln früh sprachliche und soziale Kompetenzen. Und die älteren Kinder gewinnen sehr viel Selbstbewusstsein.“ Gerade erzählt Ella allen, was es mit dem Knacks in dem Dino-Ei auf sich hat. Die Kleineren finden das nicht so spannend und fangen an, durch den Kreis zu toben.

„Und was wollen wir heute singen?“ Lächelnd schaut Karina Klaus in die Runde. „Hoch am Himmel“ gellt es aus einigen Kinderkehlen und flugs verwandeln sie sich in laufende Esel und blökende Schäfchen. Das finden auch die Jüngsten super. Als die Kindertiere zu wild werden, klatscht Karina Klaus in die Hände. „Auf geht’s, wir gehen raus.“ Das lassen sich alle nicht zweimal sagen. In der Garderobe geht es rein in Matschhosen, in dicke Jacken und Gummistiefel. Nach einer gefühlten Ewigkeit flitzen endlich alle über den Außenbereich. Fröhlich toben die Kinder der Grünen Gruppe im Sandkasten, klettern auf die Rutsche und jagen auf Laufrädern über das Gelände.

Während die Jahrespraktikantin oben im Gruppenraum die Tische für das Mittagessen deckt, haben Karina Klaus und ihre Kolleginnen einen Moment, um sich auszutauschen. Einen Moment, um durchzuatmen. Dass solche Augenblicke im Alltag von ErzieherInnen selten sind, ist an vielen Stellen der öffentlichen Meinung noch nicht angekommen. Karina Klaus ärgert das: „Viele meinen tatsächlich, dass unsere Arbeit und die Kleinkindererziehung nur Gedöns sei. Mich hat mal ein Kind gefragt, was ich eigentlich beruflich mache. Da muss dringend ein Umdenken stattfinden. Auch die körperliche Belastung ist nicht ohne: das Herumtragen der jüngeren Kinder und das Sitzen auf zu kleinen Stühlen. Aber so ist es nun mal. Natürlich gibt es auch bei uns Dinge, die ich verbessern möchte, aber im Großen und Ganzen stimmt es. Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit mit den Kindern.“

Mittwochmittag, 12.00 Uhr: Die Wintersonne steht hoch über dem Kinderhaus. Der Duft von Hackfleischbällchen und Kartoffeln zieht nach draußen. Der Moment ist vorüber, der Kita-Alltag geht weiter. Es ist Zeit für das Mittagessen.


Foto: birgitH/pixelio.de

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