Finanzierungsmodelle international

Ungleiches ungleich behandeln

Der internationale Vergleich der Bildungsausgaben zeigt deutlich, dass Deutschland erheblichen Nachholbedarf hat: Bildungsgerechtigkeit heißt, dass unterschiedliche SchülerInnen, Schulen oder Regionen unterschiedliche Ressourcen erhalten müssen. Außerhalb der Bundesgrenze wird es uns schon vorgemacht – Deutschland könnte aus Erfolgen und Misserfolgen anderer lernen.

von Gerd Möller

In vielen Staaten werden die finanziellen Mittel für die Schulen nach Förderungsbedarf verteilt. Eine bedarfsorientierte Finanzierung wirkt sich positiv sowohl auf den Bildungsweg des einzelnen Kindes als auch auf die gesellschaftlichen Kosten insgesamt aus. Diese Erkenntnisse sind in anderen Ländern mittlerweile anerkannt und im Bildungssystem verankert. Die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) hat 2007 einige Finanzierungsbeispiele von SchülerInnen, Schulen und Regionen mit besonderem Förderungsbedarf zusammengestellt.

BelgienIn Belgien erhalten Schulen in der Primarstufe und in der Sekundarstufe I zusätzliche Ressourcen, wenn die Schülerschaft aus mindestens zehn Prozent benachteiligter SchülerInnen besteht, die auf Basis sozioökonomischer Indikatoren festgestellt werden. Alle drei Jahre werden die Fortschritte in den geförderten Schulen überprüft. Wenn eine Schule negativ bewertet wird, verliert sie den Status der zusätzlichen Ressourcenzuweisung. Sicherlich ein Anreizsystem, das bei fairer und transparenter Handhabung die Effektivität der Förderbemühungen steigern könnte.

FrankreichIn Frankreich können Schulen den Status einer Schule mit Bildungspriorität auf Basis von sozioökonomischen Merkmalen und Leistungsdaten erlangen. In diesem Programm sind hauptsächlich urbane Schulen vertreten. Eine Evaluation ergab, dass diese keine positiven Outcome-Effekte aufwiesen. Neues Ziel nach der Reform 2006: Die Schulen systematischer evaluieren und auf dieser Basis den Status "éducation prioritaire" eher zu erhalten beziehungsweise zu verlieren. Wie das Beispiel zeigt, kann eine formale Ausweisung einer Schule als depriviert dazu führen, dass eine "Restschule" entsteht.

IrlandIn Irland müssen Schulen, die zusätzliche Ressourcen aus dem Förderprogramm "Giving Children an Even Break" beantragen, verschiedene Anforderungen erfüllen: Sie legen einen Entwicklungsplan für die nächsten drei Jahre vor, indem Maßnahmen zur Senkung der Drop-out-Rate unter schwachen Lernenden festgelegt sind. Über die Verwendung der Mittel und die Ergebnisse der Maßnahmen muss in einem Evaluationsbericht Rechenschaft ablegt werden. Die Praxis der Rechenschaftslegung könnte auch für Deutschland nachahmenswert sein.

KanadaIn der kanadischen Provinz Alberta bekommt eine Schule in den ersten vier Jahren durchschnittlich 4.000 Dollar pro Kind, danach 5.000 Dollar. Für SchülerInnen mit "speziellen Bedürfnissen" erhält die Schule schon 7.000 Dollar und für Kinder mit "besonders speziellen Bedürfnissen" sogar 20.000 Dollar, um etwa Einzelsprachunterricht erteilen oder eine besondere psychologische Betreuung bezahlen zu können. Je größer die Probleme, umso mehr wird in seine Bildung investiert.

ShanghaiDas Thema Ressourcenverteilung muss nicht auf den Einsatz zusätzlicher Mittel zur Förderung benachteiligter SchülerInnen beschränkt bleiben. Shanghai hat ein Anreiz- und Unterstützungssystem etabliert, um die talentiertesten LehrerInnen für die schwierigsten Klassen und die besten SchulleiterInnen für die schwierigsten Schulen zu gewinnen. "Belohnt" wird dieser Einsatz in Shanghai nicht nur durch differenzierte Bezahlung, sondern auch durch Karriereperspektiven, die an das Lösen sozialer Herausforderungen gekoppelt werden.

Gerd Möller ist Mitherausgeber der Zeitschrift „SchulVerwaltung NRW “ und Mitarbeiter im Schulministerium a.D..

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