Marlis Tepe im Interview

Beste Unterstützung ist die Stärke der GEW

Marlis Tepe ist seit Juni 2013 Bundesvorsitzende der GEW. Vor ihrem Umzug nach Frankfurt unterrichtete sie in Schleswig-Holstein, war engagiert im Bundesfrauenausschuss und Vorsitzende des Landes-Hauptpersonalrates.

In 30 Jahren GEW-Mitgliedschaft hat sie sich zuletzt stark gemacht für den Generationendialog. Jungen Menschen die Bildungsgewerkschaft nahezubringen und sie zu animieren, sich zu engagieren war und ist Marlis Tepe ein Anliegen. Im Bildungsmacher-Interview spricht sie über den Generationendialog, über Bildungschancen für alle, Kavaliersdelikte und Sicherheit im Netz.
 
DIE BILDUNGSMACHER: „Ermöglichen wir das Mitmachen und den Generationendialog!“ – heißt es unter deinem Namen auf der GEW-Internetseite. Speziell für die jüngere Generation hast du dich bereits während deiner Zeit in Schleswig Holstein stark gemacht. Wie führst du diesen Weg fort?
Marlis Tepe: In meiner neuen Aufgabe als Bundesvorsitzende werde ich den Generationendialog insbesondere mit der Jungen GEW und dem Bundesausschuss der Studierenden fortsetzen. Ich werde den Generationendialog und -wechsel in allen Gliederungen anbringen und alle durch Beispiele dazu ermutigen, die Themen anzupacken. Ich werbe bei den Landesverbänden dafür, speziell jüngere OrganisationssekretärInnen zu beschäftigen – diese können wiederum optimal Kontakte knüpfen zu Studierenden, jungen Beschäftigten an Hochschulen, zu FachschülerInnen sowie jungen ErzieherInnen, zu Lehrkräften im Vorbereitungsdienst und insgesamt zu BerufsanfängerInnen. Für mich geht es darum, das Wissen und die Erfahrung der älteren Generation zu behalten, im Dialog weiterzutransportieren sowie Impulse jüngerer Menschen aufzunehmen und in die Organisation zu tragen.

Wie animierst du junge Menschen, der GEW beizutreten und sich zu engagieren?
In der Vergangenheit in erster Linie über den persönlichen Kontakt und das persönliche Beispiel. So habe ich die KollegInnen in meiner Schule auf die Vorteile der GEW-Mitgliedschaft angesprochen. Wenn ich zu Personalversammlungen gegangen bin, habe ich im Anschluss bei der dortigen GEW-Vertrauensperson nach denjenigen gefragt, die mir durch ihr Interesse aufgefallen sind. Die habe ich dann angesprochen. Unsere Stärke ist, dass wir ihnen Unterstützung bei der Vernetzung und der Zusammenarbeit anbieten können.

Bildung steht vor neuen Herausforderungen: Inklusion, Migration, Demografiewandel. Ist das ein Grund zum Fürchten?
Grund zur Furcht sehe ich nicht. Grund zum Nachdenken und Analysieren besteht allerdings. Anlass zu entschlossenem Argumentieren und die Bedingungen zu verbessern, gibt es genug. Den demografischen Wandel haben die „neuen“ Bundesländer schon verkraften müssen. Dort hat die GEW wegen des jahrelangen Einstellungsstopps Mitglieder verloren. Unterm Strich gewinnen wir jedoch seit über fünf Jahren Mitglieder, bisher rund 20.000. Nun sinken auch in den „alten“ Bundesländern die Schülerzahlen. In manchen Regionen ist in kurzer Zeit ein Rückgang von 30 Prozent der SchülerInnen zu erwarten. Es muss uns gelingen, die Menschen und die Politik davon zu überzeugen, dass Geld und Lehrkräfte im Bildungssystem bleiben und es nicht zu Stellenstreichungen kommt. Wir brauchen die PädagogInnen und die Ausstattung dringend, damit eine inklusive Schule gelingen kann, SchülerInnen bestmöglich gefördert und die KollegInnen entlastet werden.
Deutschland ist ein Einwanderungsland und geht viel zu wenig auf die Potenziale der Kinder, SchülerInnen und HochschülerInnen mit Migrationshintergrund ein. Hier gibt es vielfältigen Handlungsbedarf, den die GEW schon seit Jahren beschreibt. Ich werde in meinen Gesprächen mit BundespolitikerInnen, Städte- und Gemeindetag, auch mit Kirchen dafür werben, dass Investitionen in Bildung notwendige Zukunftsinvestitionen sind.

Der doppelte Abiturjahrgang schwemmt hunderttausende Studienanfänger an die Hochschulen. Nicht jeder kann mit einem Studienplatz rechnen. Wie setzt du dich dafür ein, dass dieser Bildungsweg dennoch für alle offen bleibt?
?Die GEW fordert Bund und Länder auf, eine nachhaltige und bedarfsgerechte Finanzierung von Studium und Lehre zu schaffen. Wir brauchen dringend eine deutliche Aufstockung und eine verlässliche Fortschreibung des Hochschulpaktes. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern muss wieder aus der Verfassung gestrichen werden. Darauf werde ich in Gesprächen immer wieder deutlich hinweisen.

Und nun angeblich auch noch Norbert Lammert! Wie stehst du zu den PlagiatsministerInnen der letzten Jahre??

Als Lehrerin erwarte ich immer eigenständige Leistungen in einer Prüfung und schon bei Klassenarbeiten wird ein hoher Maßstab gesetzt. Von allen – auch von PolitikerInnen – ist bei Doktorarbeiten die eigenständige wissenschaftliche Leistung gefragt. Die als Plagiat erkannten Arbeiten werfen ein schlechtes Licht auf die VerfasserInnen, aber auch auf die Hochschullehrenden, die diese betreut und bewertet haben, und auf deren Universität. Die Hochschulen müssen sich die Frage stellen, ob die Nähe zwischen Betreuenden und Doktoranden zu groß ist, ob Promotionen etwa von Außenstehenden stärker geprüft werden müssen. Dies wird an den Hochschulen diskutiert. Insgesamt ist in der Gesellschaft Betrug, insbesondere Steuerhinterziehung, zu oft zu sehr zu einem Kavaliersdelikt geworden. Hier benötigen wir eine Diskussion über die Verbindlichkeit von Rechten, Pflichten und Werten.

„Ihre Nachricht wird mitgelesen“ – der Skandal um die Geheimdienste ist brandaktuell politisches Thema. Was fordert die GEW zur Aufklärung? Und: Welchen Umgang mit moderner Kommunikation legst du speziell jungen BürgerInnen ans Herz??
Die GEW hat sich zu diesem Thema noch nicht offiziell positioniert. Selbstverständlich erwarten wir Aufklärung darüber, was nun eigentlich passiert. Dass E-Mails offen wie Postkarten sind, war mir immer klar. Trotzdem: Geheimdienste anderer Staaten dürfen nicht – mit Unterstützung weltweit operierender Konzerne – Daten deutscher BürgerInnen abschöpfen und damit gegen deutsches Recht verstoßen. Es gibt viel zu wenig Sicherheit im Netz. Deshalb brauchen wir weltweit gültige Regeln, mit denen die Daten der Menschen geschützt werden. Kinder und Jugendliche sollten mit ihren Daten, insbesondere auch mit Fotos, vorsichtig sein. Die Schule hat die Aufgabe, hier Medienkompetenz zu vermitteln.

 

Die Fragen für DIE BILDUNGSMACHER stellten Sherin Krüger und Ole Engfeld.

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