Wissenschaft als Beruf

Auf immer Nachwuchs

Wer sich für sein Studienfach interessiert und sich für wissenschaftliches Arbeiten begeistert, für den liegt die Frage nah: Wie wird Wissenschaft zum Beruf? In den letzten zehn Jahren haben sich die Möglichkeiten und Bedingungen enorm verändert. Wie lebt (und arbeitet) es sich heute als WissenschaftlerIn?

von Johannes Moes

Bisher war die Promotion meist eine Arbeit in Einsamkeit und Freiheit. DoktorandInnen waren ohne Alternative auf den Doktorvater – selten die Doktormutter – angewiesen, der die Arbeit betreute (oder auch nicht) und am Ende bewertete. DoktorandInnen verausgabten sich zunehmend: Bei immer weniger bezahlten Wochenstunden und immer kürzeren Laufzeiten in ihren Arbeitsverträgen übernahmen sie immer mehr Aufgaben in Lehre und Forschung. Ob und wann sie ihre Dissertation bearbeiteten, spielte daneben keine Rolle. Viele Arbeiten wurden nie beendet. Im Ausgleich hatten Promovierende viele Freiheiten, sammelten Erfahrung in „echter“ Lehre und Forschung.

Höher, schneller, weiter: GraduiertenschulenMittlerweile dominiert ein neues Ideal: die Graduiertenschule. Sie soll mit Teambetreuung, klaren Planungen und Zielvereinbarungen, fachlichen Seminaren und der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen dafür sorgen, dass Promotionen häufiger und früher abgeschlossen werden und die KandidatInnen breiter qualifiziert sind. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert hunderte Graduiertenkollegs, kaum ein Exzellenznetzwerk ist ohne angebundene Graduiertenschule denkbar und fast jede Universität schmückt sich mit einem Graduiertenzentrum. Gut gemeint ist aber leider oft nicht gut gemacht: In den zum Teil stark verschulten Strukturen verlieren die Promovierenden die Unabhängigkeit ihrer Forschung und das praxisnahe Training „on the job“. Aus ihnen werden seltener Profs als aus den wissenschaftlichen MitarbeiterInnen in Lehre und Forschung.

Was kommt nach dem Doktor?Auf der nächsten Stufe der wissenschaftlichen Karriereleiter bietet sich dasselbe ambivalente Bild: Juniorprofessuren sollen den PostdoktorandInnen frühere Unabhängigkeit geben, bringen aber eine deutliche Erhöhung der Belastungen und Erwartungen. Noch nicht einmal zusammen mit den oft renommierten Posten der Nachwuchsgruppenleitung fangen sie den gleichzeitigen Abbau der früheren Assistentenstellen auf, die zur Habilitation genutzt werden konnten. Auch für „Postdocs“ werden die Projektlaufzeiten immer kürzer. Auch sie werden wie Promovierende oft mit Stipendien abgespeist, die alle sozialen (Ver-)Sicherungen normaler Arbeitsverträge vermissen lassen.

Wenn die Jobsuche zur Lotterie wirdDie wissenschaftliche Karriereleiter kennt in Deutschland nur ein Ziel: die Lebenszeitprofessur, die nur eine Minderheit erreichen kann. Andere sichere Arbeitsperspektiven gibt es kaum. Die Hochschulen sind gerade dabei, eine ganze Generation von emeritierten „Bildungsexpansionsprofs“ durch eine Generation von Mittvierzigern zu ersetzen, die wieder zwanzig Jahre lang die Professuren besetzt. Das neue Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt zwar, in Drittmittelforschungsprojekten lebenslänglich befristete Anstellungen zu finden – aber: Wie attraktiv ist dieses Lotteriespiel? Kein Wunder, dass sich viele spätestens nach der Promotion wegorientieren. Kaum jemand erhält in Deutschland die Möglichkeit, in die Wissenschaft zurückzukehren, ob nach einer Kinderpause oder nach außerwissenschaftlicher Berufstätigkeit.

Dass die Wissenschaft im Vergleich zu anderen Arbeitsmärkten für AkademikerInnen in Deutschland oder anderen Ländern an Attraktivität verloren hat, sieht auch die Politik. Sie versucht, mit Förderprogrammen oder der vermehrten Vergabe von Stellen statt Stipendien gegenzusteuern. Ob das ausreichen wird, dem drohenden ForscherInnenmangel zu begegnen, ist fraglich.

Johannes Moes ist Sprecher der GEW-Projektgruppe DoktorandInnen

In: punktlandung 2010.1

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