nds 2-2012

Wege aus der Teilzeitfalle

Die nds 2-2012 ist ein Frauenheft: Kurz vorm internationalen Frauentag erinnert sie daran, dass Karriere und Familie in Deutschland noch immer kaum vereinbar sind. Die Teilzeitbeschäftigung ist in der Regel nur ein scheinbarer Ausweg aus dem Dilemma. Weitere Themen im Heft: Tarifrund TVöD gestartet, Inklusion in NRW, Entwicklung der Sekundarschule.

von Jutta Allmendinger

Beruf und Familie, das geht in Deutschland offenbar noch immer nicht zusammen. Etwa 5,6 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter sind nicht erwerbstätig, das sind rund 28 Prozent. Die meisten von ihnen wären eigentlich gern berufstätig.

Gründe für den AusstiegDie Erwerbstätigkeit wird meist aus familiären Gründen aufgegeben – es fehlt an einer guten Kinderbetreuung mit Betreuungszeiten, die zu den Arbeitszeiten der Mütter passen. Oder anders: Es fehlt an Beschäftigungsmöglichkeiten, die mit den Familienzeiten der Mütter korrespondieren. Wie stark dieses Motiv ist, zeigt der Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. In den neuen Bundesländern gehen wesentlich weniger Frauen aufgrund familiärer Gründe in die Nichterwerbstätigkeit. Und es zeigt sich an den Berufen: Gerade Frauen in Berufen mit Schicht- und Wochenendarbeit steigen weniger häufig aus dem Erwerbsleben aus. Das hat finanzielle Gründe, sicher, die Frauen müssen zum Familieneinkommen beitragen. Aber es hat auch damit zu tun, dass andere Mitglieder des Haushalts am Wochenende und zu Randzeiten die Kindererziehung übernehmen können.
Probleme beim Wiedereinstieg
Der Wiedereinstieg nach einer Phase der Nichterwerbstätigkeit fällt vielen Frauen sehr schwer. Trotz zum Teil guter Qualifizierung gelingt nur 13 Prozent dieser „Schattenfrauen” die Rückkehr in den Beruf. Meistens ist es dann Teilzeit; fast keine Frau kehrt in die Vollbeschäftigung zurück. Ehrenamtliche Tätigkeiten helfen Nichterwerbstätigen wenig. Die oft vorgebrachte Auffassung, ehrenamtliche Arbeit werde irgendwann zu einer Erwerbstätigkeit führen, entspricht nicht der Wirklichkeit.
Teilzeit zementiert Unterschiede
Betrachtet man die wirtschaftliche Stellung von Frauen heute, so liegen deren durchschnittlich niedrigen Jahreseinkommen und ihre geringen Renten aus eigener Erwerbsarbeit nicht nur an langen Phasen der Nichterwerbstätigkeit. Die ausgeprägte Teilzeitarbeit hat einen mindestens ebenso großen Effekt. Teilzeitarbeit gilt zwar noch immer als ideal für die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit. Inzwischen entpuppt sie sich für viele Frauen aber als Teilzeitfalle: Einmal Teilzeit, immer Teilzeit. Damit einher gehen flache berufliche Karrieren, geringe Einkommenszuwächse auf allemal niedrigem Einkommensniveau, fehlende Angebote für eine berufliche Weiterbildung und ein häufig früher Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit. Auf diese Weise zementieren sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Was bei Müttern oft als Phase der Nichterwerbstätigkeit oder der Teilzeitarbeit angelegt war, wird zum Dauerzustand und ist Abstandhalter zu männlichen Karrieremustern.

Europäische VorbilderFinnland, Schweden, Dänemark oder Frankreich machen vor, dass das nicht so sein muss. Dort zielt die Sozialpolitik darauf, dass Frauen sich eigenständig finanziell absichern (können) und ihre Erwerbsarbeit nur kurz unterbrochen wird. Trotz einer hohen Erwerbsquote von Müttern mit kleinen Kindern arbeiten nur wenige Frauen in Teilzeit. Hinzu kommt, dass sich Arbeits- und Betreuungszeiten zwischen den Partnern viel ausgewogener gestalten.

Was also muss passieren?Das Stichwort heißt Prävention. Wir müssen daran arbeiten, die Lebensverläufe neu zu gestalten und uns zu verabschieden von der Fiktion einer ununterbrochenen Beschäftigung. Frauen und Männer sollten ihre Erwerbsverläufe unterbrechen können – für die Erziehung, für die Pflege, für die Weiterbildung, für das eigene Wohlergehen. Wir brauchen eine Umverteilung von Arbeitszeit – viele Frauen würden gerne länger, viele Männer gerne weniger lange erwerbstätig sein. Wir brauchen flexiblere Übergänge in den Arbeitszeiten, so dass Frauen (und Männer) nicht ein Leben lang auf Teilzeit festgelegt bleiben. Und wir brauchen die Quote. Nur so können Frauen in Führungspositionen vordringen und dort zeigen, dass ihre Leistungen keiner Quote bedürfen. Weiterbildungsmaßnahmen müssen zum zentralen Bestand von Tarifabschlüssen der Sozialpartner werden. Wir müssen die Herausforderungen stärker ressortübergreifend angehen. Die notwendige flächendeckende Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen ist nicht nur eine Aufgabe des Familienressorts. Ebenso verhält es sich bei den Themen Bildung, Arbeit und soziale Sicherung. In der Bildungspolitik widersetzt man sich langsam dem Föderalismus und betont nationale Interessen. Eine gute Kinderbetreuung liegt ebenfalls im nationalen Interesse und braucht ein bundesweites Format.

Jutta Allmendinger ist Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

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