Praxissemester

Das Ende der grauen Theorie

Wie es ist, LehrerIn zu sein, das weiß doch jeder. Schließlich sind wir alle mal zur Schule gegangen. Dass die Erinnerungen an die eigene Schulzeit für die Berufspraxis wenig nützlich sind, merken junge LehrerInnen oft erst, wenn sie plötzlich vor einer Klasse stehen. Das neue Praxissemester soll deshalb viel früher Schulwirklichkeit ins Studium bringen.

von Dr. Barbara Arens und Saskia Koltermann

Ergebnisse der Lehrerbildungsforschung zeigen: Junge LehrerInnen wenden die im Studium erworbenen schulbezogenen Wissensinhalte häufig nicht umfassend an. Stattdessen beziehen sie sich in den ersten Lehrerjahren auf sogenannte implizite Wissensinhalte (auch als Alltagstheorien oder „beliefs“ bezeichnet), die sie in ihrer Schulzeit erworben haben und die den wissenschaftlichen Inhalten des Studiums oft konträr gegenüber stehen.

Verknüpfung von Theorie und PraxisDas Praxissemester soll angehenden LehrerInnen helfen, grundlegende Berufskompetenzen auszubilden. Demnach erwerben die Studierenden im Praxissemester folgende Fähigkeiten:

  • Lernsituationen auf der Basis von Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaften zu gestalten und zu reflektieren,
  • Leistungsbeurteilung, pädagogische Diagnostik und individuelle Förderung anzuwenden und zu reflektieren,
  • Erziehung in der Schule mit zu gestalten,
  • Schule theoriegeleitet zu erkunden und aus der Praxis Fragen an die Theorie zu stellen und
  • ein eigenes professionelles Selbstkonzept zu entwickeln.

(vgl. Lehramtszugangsverordnung § 8, 2009)

Mit dem neuen Lehrerausbildungsgesetz wird in NRW in Zukunft das Praxissemester für alle lehramtsbezogenen Masterstudiengänge verbindlich. Der Ausflug in die Schulrealität macht es möglich, wissenschaftliche Inhalte aus Fachdidaktik und Bildungswissenschaften in schulischen Situationen und mit professioneller Begleitung experimentell umzusetzen. Wann auf den neuen Master umgestellt wird, legt jede Uni in einem vorgegebenen Zeitrahmen selbst fest. Das Praxissemester startet frühestens im Sommersemester 2012, spätestens im Sommersemester 2015. Es wird von den Universitäten verantwortet und in Kooperation mit den Schulen und den Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung durchgeführt.

Neue Lernformate sind gefragtIn der Rahmenkonzeption des Schulministeriums werden die Hochschulen und die Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung aufgefordert, das Praxissemester durch wissenschaftliche Lehrveranstaltungen so zu begleiten, dass bei den Studierenden forschende Lernprozesse in Gang gesetzt werden. Hierfür sind neue Lernformate gefragt, in denen die Studierenden Kompetenzen zu empirischen Forschungsmethoden, zur Integration von schulpädagogischem und fachdidaktischem Wissen sowie zum selbstreflexiv-biografischen Lernen erwerben.

Die geforderte Kooperation von Universitäten und Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung im Rahmen des Praxissemesters macht Hoffnung: Endlich könnten die traditionellen inhaltlichen Gräben zwischen diesen beiden Ausbildungsabschnitten geschlossen und eine gemeinsame Sprache für Unterricht, Erziehung und Leistungsbeurteilung entwickelt werden.

Ungeklärt: Die Professionalisierung der MentorInnenFür die professionelle Begleitung der Studierenden im Praxissemester spielen nicht zuletzt die MentorInnen in der Schule eine nicht zu unterschätzende Rolle. Von ihrer didaktischen Kompetenz und ihrem Reflexionsniveau hängt ab, ob die Studierenden ausreichend Freiraum, Unterstützung und kompetentes Feedback zu ihrem Lehrerverhalten, ihren Studien- und Unterrichtsprojekten erhalten. Das sind verantwortungsvolle und umfassende Aufgaben, für die MentorInnen in Zukunft qualifiziert werden müssen.

Leider enthalten die Schriften des Schulministeriums zu diesem wichtigen Punkt keine Aussagen – geschweige denn, dass eine Entlastung für MentorInnen im Praxissemester in Aussicht gestellt wäre. Wenn aber gut konzipierte Studien- und Unterrichtsprojekte an den schulischen Rahmenbedingungen scheitern, wenn MentorInnen nicht professionalisiert und entlastet werden, dann drohen die dargelegten Vorteile des Praxissemesters zu verpuffen.

Dr. Barbara Arens ist Leiterin des Praktikumsbüros für Lehramtsstudiengänge der TU Dortmund. Saskia Koltermann ist Praktikumsmanagerin im Zentrum für Lehrerbildung.

In: punktlandung 2010.2

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