Kooperatives Lernen

Das Denken der Schüler anleiten

Wie kann Kooperatives Lernen auch die kognitiven Lernprozesse der SchülerInnen fördern? Welche kooperativen Strategien helfen den SchülerInnen strukturiertes Wissen aufzubauen? Zuerst gilt es zu verstehen, was in den Köpfen der SchülerInnen passiert, wenn sie Wissen erwerben.

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Begriffliche WissensstrukturenLernpsychologisch gesehen bilden SchülerInnen Wissensstrukturen, indem sie zunächst Begriffe bilden (vgl. Edelmann 2000). Mit „Begriff“ ist hier das gemeint, was wir sonst auch „Kategorie“ nennen. Kategorien werden entwickelt, indem Objekte nach gemeinsamen Merkmalen geordnet werden.

Bei diesem subjektiven kognitiven Strukturierungsvorgang werden Begriffe gebildet, die dann in Wissensstrukturen miteinander verbunden werden. Es geht also nicht um das Lernen und Behalten von einzelnen Bezeichnungen. Begriffsbildung ist vielmehr ein Kerngebiet von Unterricht: der dauerhafte Lernprozess, in dem Wissensstrukturen permanent ausgeweitet und differenziert werden.

Subjektive Konstruktion der Begriffe„Wissen, so ergaben Studien der Gehirnforschung, wird individuell aufgebaut, indem aus zahlreichen Einzelerlebnissen Kategorien und Regeln abgeleitet werden. Lernen ist somit immer eine individuelle Konstruktionsleistung“ (Tippelt/Schmidt 2005). Je mehr mit Anschauung und Beispielen gefüllte Begriffe ein Mensch unterscheiden kann, desto differenzierter sieht und versteht er die Welt. Einen Begriff wirklich zu verstehen, braucht Zeit und einen Lernprozess, in dem die Möglichkeit gegeben wird, den Begriff subjektiv zu konstruieren und sich so zu eigen zu machen.

Es ist also eine zentrale Aufgabe des Unterrichts, Begriffe so einzuführen, dass die SchülerInnen sie mit der Anschauung vieler Beispiele verbinden und aus diesen Beispielen die charakteristischen Merkmale des Begriffs selbstständig gewinnen. Dieser subjektive kognitive Strukturierungsvorgang der Begriffsbildung wird beim Concept Attainment methodisch angeleitet. Noch wirksamer wird die Strategie, wenn sie in einem kooperativen Prozess durchgeführt wird.

Wie läuft ein Concept Attainment ab?Die Grundlage für ein Concept Attainment bildet ein Arbeitsblatt oder eine Folie, auf dem Beispiele für zwei abgrenzbare Begriffe (Kategorien) einander gegenübergestellt werden. Die zu erkennenden Begriffe können aus jedem Fach stammen.

Um ein Arbeitsblatt für ein Concept Attainment anzufertigen, sammelst Du je vier Beispiele für beide Begriffe und schreibst diese abwechselnd untereinander. Du kennzeichnest die zusammengehörenden Beispiele jeweils durch gerade beziehungsweise ungerade Zahlen. Du überlegst dir für jeden Begriff noch zwei weitere Beispiele, die Du in ungeordneter Folge ohne Zahlen als Testbeispiele aufschreibst.

Die SchülerInnen bekommen zu Beginn des Prozesses die Aufgabe, die gemeinsamen Merkmale der Beispiele mit den geraden Zahlen und der Beispiele mit den ungeraden Zahlen herauszuarbeiten. Dazu bilden sie zunächst in Einzelarbeit Hypothesen, die sie dann in der Gruppe diskutieren.

Im Anschluss daran wird das gemeinsame Gruppenergebnis in der Klasse vorgestellt, aber noch nicht beurteilt. Denn erst sollen die SchülerInnen ihre Hypothesen selber prüfen. Zu dieser Prüfung bekommen sie weitere Beispiele, die aber nicht mehr nummeriert sind. Es ist also nicht mehr ersichtlich, welchem der beiden Begriffe sie zugeordnet sind. An diesen Beispielen erproben die SchülerInnen die gefundenen Merkmale, indem sie versuchen, die Beispiele den Begriffen zuzuordnen. Nach Prüfung der Hypothesen stellen die Gruppen ihre Ergebnisse anschließend im Plenum vor und diskutieren sie.

Den Kern des Begriffs erkennenWenn Du erste Erfahrungen mit dem vorgestellten Prozess des Concept Attainment machst, wirst Du wahrscheinlich beobachten, dass die SchülerInnen sehr engagiert bei der Sache sind, aber vielleicht nur auf den Begriffsnamen fixiert sind. Genau darum geht es aber nicht.

Bedeutsam für die Begriffsbildung ist das Erkennen der charakteristischen Merkmale. In der Analyse der charakteristischen Merkmale besteht für die SchülerInnen bei der Begriffsbildung die eigentliche intellektuelle Herausforderung; den Begriffsnamen wissen einzelne SchülerInnen bereits und nichts spricht dagegen, wenn Du ihn am Ende den SchülerInnen mitteilen. Weise deswegen immer wieder darauf hin, dass man den Begriff in seinem Kern noch nicht verstanden hat, wenn man seinen Namen kennt, und mache dies in dem Arbeitsauftrag deutlich.

Die Anfertigung der BeispieleWenn Du das Arbeitblatt mit den Beispielen anfertigst, dann ist es hilfreich, vorher die charakteristischen Merkmale der zu erkennenden Begriffe herauszuarbeiten. Denn die Beispiele müssen so gewählt sein, dass in jedem Beispiel die charakteristischen Merkmale des Begriffs enthalten sind.

Achte bei der Wahl der Beispiele auch darauf, dass die SchülerInnen allein aus den Beispielen die charakteristischen Merkmale der gegenübergestellten Begriffe ersehen können. Den Begriffsnamen muss in der Regel die/der Unterrichtende einführen. Kurz: Die Merkmale des Begriffs müssen in den Beispielen ersichtlich sein, der Begriffsname selber braucht es nicht.

Wie kannst Du die Methode einführen?Wenn Du die Methode in einer Klasse erstmalig einführst, dann bietet es sich an, zunächst einen spielerischen Einstieg zu wählen. Anschließend haben die SchülerInnen das methodische Grundprinzip schon verstanden und sind gleichzeitig aufmerksam, ihre kognitiven Strukturen sind vermutlich sehr aufnahmebereit und Du kannst mit einem Fachbeispiel beginnen. In höheren Jahrgangsstufen können Sie nach unserer Erfahrung aber auch gleich mit dem eigentlichen Fachbeispiel beginnen.

Worauf sollten Sie bei der Durchführung achten?

  • Formuliere den Arbeitsauftrag so, dass Du damit den Block auf das Erkenntnisziel lenken.
  • Strukturiere den Ablauf deutlich.


Kooperatives Lernen als flexible Unterrichtsstrategie
Die Methode des Concept Attainment wurde eigentlich als Frontalunterricht, genauer als direktes Unterrichten konzipiert. Frontalunterricht alleine hat aber aus lernpsychologischer Sicht so seine Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite ist er im Schulalltag mitunter unverzichtbar.

Wenn es trotzdem darum geht, erfolgreich und nachhaltig zu unterrichten, dann ist die Verbindung verschiedener Unterrichtsformen mit dem Kooperativen Lernen sinnvoll. Wir verstehen darunter eine grundlegende Lernstrategie, die im Kern aus dem Dreischritt „Denken – Austauschen – Vorstellen“ besteht (Brüning/Saum 2006). Dieser Dreischritt durchzeiht den ganzen Unterricht, ganz gleich, welche verschiedenen Methoden des Unterrichtens ins Kooperative Lernen integriert werden. So wird gewährleistet, dass die SchülerInnen Gelegenheit erhalten, die individuelle Konstruktionsleistung vorzunehmen; das heißt die vorgestellten Inhalte in die eigenen Wissensstrukturen aktiv zu integrieren.

Auszug aus: Schulmagazin 5 bis 10 12-2006

Den kompletten Text inkl. Concept Attainment für das Fach Deutsch gibt es als pdf zum Download.

Kommentarex schließen
Du möchtest etwas zu dem Artikel sagen? Dann los >>

No comments
Sie müssen sich anmelden, um diesen Inhalt zu nutzen.