Kooperatives Lernen

Warum eigentlich kooperieren?

Hinter dem Kooperativen Lernen verbirgt sich ein umfassendes Unterrichtskonzept, das auch und gerade die kognitive Entwicklung der SchülerInnen fördert und daher zu besseren Unterrichtsergebnissen führt.

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Ein nach den Prinzipien des Kooperativen Lernens gestalteter Unterricht ist effektiver und nachhaltiger. Die Auseinandersetzung der SchülerInnen mit den Inhalten des Unterrichts wird intensiviert und vertieft.

Lernerfolg hoch vierWer sich die Frage stellt: „Wie kann ich meinen Unterricht so gestalten, dass die Lernleistungen meiner Schülerinnen und Schüler besser werden?“, der findet im Kooperativen Lernen eine Antwort. Schau Dir dazu die Tabelle (pdf-Download) an. In ihr sind die Ergebnisse einer langfristigen Untersuchung zu den Auswirkungen des Kooperativen Lernens auf den Lernerfolg zusammengefasst.

  • Erstens: in der Voruntersuchung erreichen die Kinder aus Unterschichtfamilien (niedrige sozio-ökonomische Herkunft) signifikant geringere Leistungen als die Kinder aus der Mittelschicht. Als die SchülerInnen aus den Unterschichtfamilien dann jedoch in Klassen lernen, in denen dauerhaft kooperative Lernformen eingesetzt werden, erreichen sie nach einem Jahr signifikant bessere Lernergebnisse, als dies im konventionellen Unterricht der Vergleichsgruppe der Fall war.
  • Zweitens: Auch die Mittelschichtkinder profitieren erheblich vom Kooperativen Lernen, denn auch sie verbessern sich deutlich stärker durch das Kooperative Lernen als im herkömmlichen Klassenunterricht.
  • Drittens: Beide Gruppen verzeichnen also einen erheblichen Lernzuwachs im Vergleich zum konventionellen Unterricht; zusätzlich verringern sich aber auch noch die Bildungsunterschiede zwischen den zwei Gruppen deutlich. Beim Kooperativen Lernen wirkt sich al- so die soziale Herkunft der Kinder wesentlich weniger auf den Lernerfolg aus. Kooperatives Lernen ist daher auch ein Weg, mehr Chancengleichheit in der Schule herzustellen.
  • Viertens: Wie wir als Experten für Unterricht das Lernen begleiten, hat in hohem Maße Einfluss auf den Lernerfolg unserer SchülerInnen. Professionell und sicher gestaltetes Kooperatives Lernen erzielt, im Vergleich zu anderen Lehrformen, hervorragende Lernergebnisse.


Dass der Unterricht durch Kooperatives Lernen erfolgreich ist, ist empirisch belegt, doch warum ist er so lernwirksam?

Was in den Köpfen passiert: (Ko-)KonstruktionIn der Einzelarbeit eignet sich der Lernende zunächst Wissen an, indem er Informationen und Erfahrungen aktiv verarbeitet und in seine individuellen Wissensnetze integriert. Der Aufbau von Wissensstrukturen ist also eine ganz persönliche Konstruktionsleistung einer/eines jeden SchülerIn. Das neue Wissen wird mit dem vorhandenen Wissen und mit den Erfahrungen verknüpft. Dies führt zu einer Transformation oder Differenzierung der Wissensbestände, kurz: Dies führt zu Lernen.

Die Erweiterung und notwendige Flexibilisierung von Wissen erfolgt gerade durch die Reflexion eigener kognitiver Konstrukte in der Auseinandersetzung mit anderen. In diesem lebendigen Austauschprozess entsteht aus der eigenen mentalen Wissenskonstruktion eine gemeinsame Konstruktion, eine Ko-Konstruktion.

Was in den Köpfen passiert: kognitiver KonfliktBesonders fruchtbar sind die Austauschprozesse, wenn dabei kognitive Konflikte entstehen. Piaget zufolge wird die geistige Entwicklung durch die Bearbeitung und Lösung kognitiver Konflikte vorangetrieben. Ein kognitiver Konflikt entsteht, wenn unterschiedliche Sichtweisen aufeinander treffen. In der Auseinandersetzung mit solchen Konflikten korrigieren oder erweitern Lernende ihre Wissensstrukturen, lernen unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen und sich von Vorurteilen zu lösen.

Wird ein solcher Konflikt in Einzelarbeit gelöst, dann werden die beiden Sichtweisen und Lösungen des Konflikts im Kopf durchgespielt. Da von außen aber keine neuen Gedanken oder Einwände kommen, kann die Bearbeitung des Konflikts schnell vorbei sein, ohne dass man in die Tiefe des Problems vorgedrungen ist und ohne die liebgewordenen Ansichten zu ändern.

Ganz anders ist es, wenn der kognitive Konflikt nicht nur im eigenen Kopf bearbeitet wird, sondern ein Austausch mit anderen stattfindet. Dann kommen oft neue Sichtweisen und Gedanken hinzu, die man noch nicht bedacht hat und die einen vielleicht doch zum Umdenken zwingen.

Was in den Köpfen passiert: Zone der nächsten EntwicklungEin weiterer Grund für die Lernwirksamkeit des Kooperativen Lernens ist, dass die SchülerInnen in der Gruppe kognitive Funktionen bei anderen beobachten und so am Modell der MitschülerInnen lernen können. Das Lernen geschieht Wygotzki zufolge dadurch, dass die kognitiven Funktionen bei anderen beobachtet werden, die etwas über dem derzeitigen kognitiven Entwicklungsstand liegen, in der so genannten „Zone der nächsten Entwicklung“. Und nicht LehrerInnen, sondern die MitschülerInnen sind bei heterogenen Lerngruppen in dieser Zone. Jeder hat schon die Beobachtung gemacht, dass ein/e SchülerIn etwas, was die/der LehrerIn erklärt hat, erst verstanden hat, als es ein/e MitschülerIn noch einmal in seinen Worten erläutert hat.

Alle profitierenDie SchülerInnen ziehen also einen vielfältigen Gewinn aus dem Kooperativen Lernen; sie werden ganzheitlich gefördert und sind den Herausforderungen der zentralen Prüfungen besser gewachsen. Doch auch die LehrerInnen profitieren erheblich, nicht nur, weil es befriedigender ist, wenn die eigenen SchülerInnen bessere Ergebnisse erzielen: Ihr Unterrichtsalltag wird spürbar entlastet, Unterrichtsstörungen werden verringert und eine positive Atmosphäre im Klassenzimmer erzeugt.

Auszüge aus: nds 6/7-2006

Den kompletten Text gibt es als pdf zum Download

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