Kinderarbeit

Kindheit sichern!

Dornipadu, ein Ort im Kurnool Distrikt im südlichen Teil von Andhra Pradesh (Indien) – bei meiner Ankunft ist alles kahl und trist. Es ist Trockenzeit, als ich zum ersten Mal das Projekt von Fair Childhood für Bildung statt Kinderarbeit besuche. Mein indischer Begleiter Bhaskar von der Partnerorganisation M. Venkatarangaiya Foundation (MVF) versichert: „Sobald der die Regenzeit einsetzt, grünt und blüht es hier.“

von Elke Michauk

 

Wir sind auf dem Weg in das lokale Koordinierungsbüro der MVF in Dornipadu. Das Büro ist untergebracht in einer kleinen Seitenstraße, die mit dem Auto kaum befahrbar ist. Es nur eine Frage von Wochen, bis das neue Büro, eine Mietwohnung direkt an der Hauptstraße, fertig wird. Seit 20 Jahren betreibt die MVF soziale Mobilisierung im Kampf gegen Kinderarbeit. Der MVF geht es um die Einforderung und Umsetzung von Rechten. Mit fünf Grundsätzen, einem (Kinder)Rechts- und regionalen Ansatz wurden mehr als eine Millionen Kinder auf ihrem Weg aus der Kinderarbeit in formale Schulen begleitet.

 

Alltägliche Kämpfe: Rechte gelten nur auf dem Papier

Vor dem Büro warten bereits junge Inderinnen und Inder – die MVF nennt sie AktivistInnen. Sie wurden von der MVF vor Ort ausgewählt, um die Region zur kinderarbeitsfreien Zone zu machen. Mit ihnen steht und fällt ein Projekt: Im Gegensatz zu externen AktivistInnen haben sie einen direkten Zugang zu den Menschen, die hier leben. Sie kennen nicht nur die Entscheidungsträger, sondern aus ihrer eigenen Erfahrung auch die alltäglichen Kämpfe und Herausforderungen der Menschen.

 

Denn auch wenn es Gesetze gegen Diskriminierung, gegen ausbeuterische Arbeit und Kinderarbeit oder für das Recht auf Bildung gibt, heißt das noch lange nicht, dass sie tatsächlich eingehalten und umgesetzt werden. Diskriminierung von Mädchen und Frauen, Zwangsarbeit, Kinderheirat und Kinderarbeit gehören ebenso zur Lebenswirklichkeit wie ein stark ausgeprägter informeller Sektor. Arbeitsverträge, Arbeitssicherheit, aber auch die Auszahlung von Löhnen sind hier nicht selbstverständlich.

 

Mammutaufgabe: Soziale Normen ändern

Für die GEW-Stiftung Fair Childhood ist es das erste Projekt, aber auch für die MVF und ihre AktivistInnen und Freiwilligen ist jedes neue Projekt eine neue Herausforderung. Sie wollen eine soziale Norm verändern: Statt „Kinder in Arbeit“ soll es in Zukunft heißen „Kinder in Schule“. Dafür müssen sie nicht nur Eltern und ArbeitgeberInnen überzeugen und motivieren. Auch Verantwortliche in Politik, Bürokratie, Schulen und LehrerInnen müssen einbezogen werden. Es geht um soziale Mobilisierung und Empowerment, die Übernahme von Verantwortung und mehr Selbstbestimmung einerseits und Lobbyarbeit andererseits.

 

Das A und O: Information und Aufklärung

Allen Vorurteilen und Problemen zum Trotz organisieren AktivistInnen mit Unterstützung der MVF Treffen mit ArbeitgeberInnen, Mittelsmännern, Gewerkschaften, Parteien, lokalen Regierungen (Gram Panchayats) und LehrerInnen. Um Kindern durch Bildung bessere Zukunftsaussichten zu ermöglichen, kommen sie alle im Forum für Kinderrechte zusammen.
Soziale, politische und religiöse Unterschiede sorgen dafür, dass die Treffen nicht immer konfliktfrei bleiben. Unermüdlich informieren die durch die MVF geschulten lokalen AktivistInnen die verschiedenen Gruppen über rechtliche Grundlagen (Verbot von Kinderarbeit, Gesetz zum Recht auf Bildung) sowie Strafen bei Beschäftigung von Kindern.

 

Rückblick: Die Anfänge des Projekts

Im Frühjahr 2012 erfolgte der Startschuss für das Kooperationsprojekt von MVF und GEW im Kurnool Distrikt. Koordiniert von zehn MVF-MitarbeiterInnen führten je vier bis sechs lokale AktivistInnen in jedem der insgesamt 14 Dörfer im Projektgebiet eine Grundlagenerhebung durch. Die Erhebung von Daten zur Anzahl, Alter sowie Bildungsstatus von Kindern in allen Haushalten ist erforderlich, da staatliche Daten vielfach unzureichend und veraltet sind. Die Daten dienen als Argumente für die Arbeit mit Eltern, lokalen Regierungen, Arbeitgebern, Schulen, Politik und Behörden. Regelmäßig werden Folgeerhebungen durchgeführt und ein Datenabgleich mit Schulen vorgenommen. Durch die enge Begleitung der Kinder soll Kinderarbeit zurückdrängt und der Schulbesuch zum festen Bestandteil ihres Alltags gemacht werden.

 

Der erste MVF-Projektbericht (Januar bis Juni 2012) spricht eine deutliche Sprache: Knapp zehn Prozent der 7.369 Kinder im Alter zwischen 6 und 18 Jahren besuchen nicht die Schule. In der Altersgruppe von 6 bis 14 Jahren, dem verpflichtenden Schulalter, sind es 3,5 Prozent (261 Kinder). Der Anteil der Mädchen liegt in allen Altersgruppen über 50 Prozent. Dies hängt damit zusammen, dass Mädchen nach ihrer Heirat in das Haus des Ehemanns ziehen. Manche Eltern betrachten Bildung von Mädchen zudem als hinderlich, wenn es darum geht einen Ehemann zu finden. Außerdem steigt proportional zum Bildungsstand die Mitgift.

 

Arbeit, die Spuren hinterlässt: Kinder auf den Baumwollfeldern

In Indien arbeiten Kinder in Hotels, in den unzähligen kleinen Tee- und Verkaufsgeschäften, in privaten Haushalten, als StraßenverkäuferInnen. Die Region um Dornipadu ist vor allem für ihre Baumwollfelder bekannt und trägt mit 90 Prozent zur Baumwollproduktion in Andhra Pradesh bei. Kinder, die hier beschäftigt sind, kommen auch aus anderen Regionen Indiens.

 

Bei meinem Besuch kommen wir an einem Feld vorbei, auf dem Frauen und Mädchen arbeiten. Ein Mädchen erscheint mir sehr jung – zu jung für die Arbeit, die sie verrichtet. Tatsächlich ist sie gerade einmal 15 Jahre alt, doch die jahrelange Arbeit auf den Feldern hat ihre Spuren hinterlassen: Körpergröße und Statur sind ihrem Alter nicht angemessen. Als ich ein Foto machen will, wirkt sie verlegen. Ihren Namen erfahre ich nicht. Wahrscheinlich wurde sie wie viele anderen ArbeiterInnen von sogenannten Mittelsmännern in die Region gebracht. Mittelsmänner unterstützen die Arbeitsmigration, die sich einreiht in die alltäglichen Probleme und die herrschende Armut.

 

Keine Selbstverständlichkeit: Bildung und Schule

Doch Kinderarbeit ist nur die eine Seite der Medaille. Das Bildungssystem ist durch stark britisch geprägt und wird nach wie vor von den oberen Schichten und Kasten dominiert. Der Schulalltag setzt ein gewisses Verständnis von formalen Abläufen voraus – Familien, die ihre Kinder erstmals in die Schule schicken („first generation learner“), fehlt dieses Wissen. Das erschwert den Zugang.

 

Der Mangel an öffentlichen Schulen und qualifiziertem Lehrpersonal vor allem in ländlichen Regionen, aber auch fehlende Lehr- und Lernmaterialien, hohe Abwesenheitszeiten von LehrerInnen, körperliche Züchtigung und Diskriminierung in der Schule führen zusätzlich zu hohen Schulabbrecherquoten. SchulabbrecherInnen gehören vielfach den früheren „niederen“ Kasten (Dalits und Schudras) an. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf private Schulen, die in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

 

Bessere Bildung braucht stärkere Gewerkschaften!

Die MVF hat diese Probleme erkannt und arbeitet eng mit dem Teachers Forum for Child Rights (TCFR) zusammen, einem Forum von GrundschullehrerInnen zur Verbesserung der Qualität von Bildung. Die im TFCR organisierten LehrerInnen verstehen sich selbst als „social mobiliser“ – als verantwortlich für die Kinder in und außerhalb der Schule.

 

LehrerInnen in Indien sind zu fast 100 Prozent gewerkschaftlich organisiert. Die Gewerkschaftslandschaft ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von parteinahen und religiösen Gruppen. LehrerInnengewerkschaften verstehen sich nicht – wie die GEW – als Bildungsgewerkschaften sondern tendieren eher zu Ständevertretungen. GrundschullehrerInnen im TFCR setzen sich nicht nur für ihre eigenen Rechte als ArbeitnehmerInnen ein, sondern auch für Kinderrechte. Durch ihre gleichzeitige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft wirken sie auf die Auseinandersetzung mit Kinderarbeit und qualitativer Bildung in Gewerkschaften hin.

 

Dran bleiben: Rechte einfordern, Gesetze umsetzen

Durch die soziale Mobilisierung von MVF und anderen Nicht-Regierungs-Organisationen wurden in den vergangenen Jahren in Andhra Pradesh und anderen Bundesländern zahlreiche Bildungsprogramme eingeführt. Ein  Meilenstein war die Verabschiedung des Gesetzes zum Recht auf Bildung (2009). Doch damit ist es nicht getan: Es braucht AktivistInnen, die die Menschen über ihre Rechte und Pflichten informieren und gemeinsam mit ihnen für deren Umsetzung kämpfen.

 

Elke Michauk ist Diplomsozialarbeiterin/Diplomsozialpädagogin und studiert zurzeit „Globalisation and Labour“ am Tata Institut for Social Sciences (TISS) in Mumbai, Indien. Sie hat 14 Monate in Indien verbracht, vier Monate davon als Praktikantin bei der MVF.

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