Kompetenzorientierung

Methoden und Anwendungsbeispiele

Wie können mit kooperativem Lernen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade im Geografieunterricht erfolgreich realisiert werden? Dieser Beitrag erklärt, wie kompetenzorientiertes Unterrichten durch kooperatives Lernen gelingt und liefert praktische Beispiele.

von Ludger Brüning

Manche LehrerInnen, die sich dem Kooperativen Lernen zuwenden, äußern anfänglich, dass sie den Eindruck haben, nicht so in die "Tiefe" gehen zu können, wie sie es gewohnt sind. Wie ist dieser Eindruck zu erklären? Wenden wir uns zunächst der in Deutschland üblichen Unterscheidung von Anforderungsbereichen zu. Sie ist inzwischen in allen Schulformen und Schulstufen eingeführt und Grundlage aller Lernstanderhebungen, Abschlussprüfungen und Kernlehrpläne:

  • Der Anforderungsbereich 1 umfasst die Erarbeitung und Reproduktion von Wissen.
  • Anspruchsvoller wird der Unterricht im Anforderungsbereich 2. Denn jetzt sind die SchülerInnen aufgefordert, vorhandenes Wissen zu reorganisieren oder zu analysieren.
  • Als der anspruchsvollste Bereich gilt der Anforderungsbereich 3. Unterricht in diesem Bereich regt die SchülerInnen zur Reflexion, Problemlösung und Beurteilung an.


Mit der Unterscheidung der Anforderungsbereiche können die verschiedenen Schwierigkeitsgrade in einer Aufgabenstellung bestimmt werden. Wenn Unterrichtende also davon sprechen, mit den SchülerInnen "in die Tiefe"  zu gehen, dann ist damit in der Regel eine thematische Auseinandersetzung in allen drei Anforderungsbereichen gemeint.

Das Anforderungsniveau im fragend-entwickelnden UnterrichtIm fragend-entwickelnden Unterricht wird in der Regel eine Aufgabe von den SchülerInnen bearbeitet und anschließend findet ein Unterrichtsgespräch statt, das in weiten Teilen vom Lehrerenden bestimmt wird. Dieses Unterrichtsgespräch basiert auf dem zuvor erarbeiteten Wissen. Die SchülerInnen stellen dabei zunächst ihre Ergebnisse vor und werden gegebenenfalls durch die MitschülerInnen ergänzt oder vom Lehrerenden korrigiert.

Nicht selten geht es dabei um die Aneignung von Wissen, sodass sich das Unterrichtsgespräch zunächst im Anforderungsbereich 1 bewegt. Im Klassengespräch lenkt die/der LehrerIn dann durch ihre/seine Fragen den Blick der SchülerInnen auf Probleme aus den Anforderungsbereichen 2 oder 3.
Der Unterricht gewinnt jetzt bei gut formulierten Fragen an "Tiefgang" und es entsteht der Eindruck, vom Niveau her die Anforderungsstufe 3 erreicht zu haben. Das ist auch hinsichtlich des thematisierten Anforderungsniveaus zutreffend. Dennoch wirft diese, den Unterricht immer noch dominierende Unterrichtsform, mehrere Fragen auf:

  • Haben die SchülerInnen dieses Niveau wirklich kognitiv erreicht oder hat es am Ende die/der LehrerIn durch ihre/seine Beiträge vorgegeben und vielleicht in Form eines Tafelbildes gesichert, was von vielen nicht wirklich verstanden wurde?
  • Haben sich alle SchülerInnen aktiv mit den Fragen des Anforderungsniveaus 2 und 3 auseinandergesetzt oder wurde das Gespräch nur mit einigen SchülerInnen geführt?
  • Können die SchülerInnen auch selbstständig Fragestellungen auf den Anforderungsstufen 2 und 3 bearbeiten oder benötigen sie sowohl das Wissen der ganzen Klasse als auch die Steuerung durch die/den LehrerIn? Denn in der Regel haben SchülerInnen zu dem Ganzen nur jeweils wenige Beiträge geliefert. Wie aber sollen sie dieselbe Leistung so selbstständig erbringen?


Das Anforderungsniveau im kooperativen Unterricht
Die Methodik des Kooperativen Lernens begegnet den zum Ausdruck gebrachten Schwierigkeiten. Grundsätzlich kann jeder Anforderungsbereich beim kooperativen Lernen realisiert werden. Dabei muss der/dem LehrerIn bereits zu Beginn des Unterrichts klar sein, welche kognitiven Anforderungen die SchülerInnen bewältigen sollen. Diese Anforderungen müssen dann in die Aufgabenstellungen einfließen.

Mithilfe des kooperativen Dreischritts "Denken – Austauschen – Vorstellen" können die Aufgaben dann von den SchülerInnen bearbeitet werden. Sie bekommen zunächst eine Aufgabe auf Reproduktionsniveau. Das Ergebnis der Aufgabe wird mit MitschülerInnen verglichen und in der Gruppe oder mit einem Partner besprochen. Dem schließt sich eine Präsentation der Ergebnisse (gegebenenfalls mit kurzem Klassengespräch und Sicherung) an. Erst jetzt bearbeiten die SchülerInnen die zweite Aufgabe aus dem nächst höheren Anforderungsbereich. Dazu wird wieder der Dreischritt durchlaufen. Und auch die Aufgabe im Anforderungsbereich 3 wird erneut im Dreischritt bewältigt. In diesem im Grunde recht simplen Vorgehen nähern sich alle SchülerInnen schrittweise dem angestrebten Anspruchsniveau.

Im Unterschied zum fragend-entwickelnden Unterricht sorgt dieses Vorgehen für eine hohe mentale Aktivierung aller SchülerInnen. Gleichzeitig ist das Erreichen der Lernziele nicht abhängig von der Fragetechnik der/des Unterrichtenden, sondern führt alle SchülerInnen dahin, selber die Anforderungsbereiche zu durchschreiten. Im fragend-entwickelnden Unterricht ist den meisten SchülerInnen oft nicht bewusst, wie sie eigentlich zu den Ergebnissen gekommen sind. Wahl betont daher, dass der logisch-stringente Charakter der Wissensvermittlung verloren geht.

Das hier vorgeschlagene Vorgehen verlangt hingegen, dass jede/jeder Unterrichtende den Unterricht vom Ende her plant. Welche Anforderungsbereiche sollen die SchülerInnen erreichen? Welche Schritte und Aufgaben sind dazu notwendig? Wer diese Fragen in der skizzierten Weise im Unterricht umsetzt, der ermöglicht ihren/seinen SchülerInnen, Lern- und Problemlöseprozesse bewusst und selbstständig zu durchlaufen. Diese veränderte Unterrichtsdramaturgie ist nach meiner Einschätzung auch die Erklärung für die eingangs geschilderten Rückmeldungen, dass der Unterricht im kooperativen Lernen an Niveau verlieren könnte. Denn wenn die/der Unterrichtende nicht mehr im Unterrichtsgespräch das Anforderungsniveau hebt, erlebt er den Wegfall des Gesprächs zunächst als Verlust.

Neben der Möglichkeit, durch die Formulierung der Aufgaben mit einer entsprechenden Unterrichtsdramaturgie das Niveau des Unterrichts zu leiten, gibt es beim kooperativen Lernen einzelne Methoden, die eine Affinität zu den einzelnen Anforderungsbereichen aufweisen. Durch ihren Einsatz im Unterricht ist das Anforderungsniveau des Unterrichts gezielt anzusteuern.

Auszug aus: Praxis Geografie 12.2010

Den kompletten Text inklusive Lerntempoduett und Strukturierter Kontroverse für das Fach Geografie gibt es als pdf zum Download.

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