nds 5-2011

Klasse(n) Unterricht

Die nds-Ausgabe 5 des Jahres 2011 hat den Themenschwerpunkt Klasse(n) Unterricht beziehungsweise "Kleine Klassen". Weitere wichtige Themen sind das Templiner Manifest und die GEW-Stiftung Fair Childhood.

von Prof. Dr. Andreas Helmke

Spricht man von gutem Unterricht, so stößt man früher oder später auf Aufzählungen von fachübergreifenden Merkmalen der Unterrichtsqualität. Leider wohnt solchen Listen eine Tendenz zur Verselbstständigung, Banalisierung und Trivialisierung inne. So entsteht gelegentlich der Eindruck, als wäre mit der hohen Ausprägung eines solchen Qualitätsmerkmals der Unterrichtserfolg gesichert, Zusammenhänge zwischen einzelnen Unterrichtsmerkmalen und dem Lernerfolg sind zwar empirisch gesichert, jedoch nur schwach ausgeprägt; es kommt daher stets auf das Gesamtmuster an; die isolierte Betrachtung von Einzelmerkmalen führt zu einem unangebrachten Stellschraubendenken.

Angebots-Nutzungs-ModellDie lange Zeit verbreitete, mechanische Sichtweise, der zufolge Unterricht einen direkten Effekt auf den Lernerfolg von SchülerInnen hat, ist in der modernen Unterrichtsforschung durch ein Angebots-Nutzungs-Modell ersetzt worden. Demnach ist Unterricht Teil eines Wirkungsgeflechtes, in dessen Zentrum eine Kette steht: Lehrerprofessionalität und -persönlichkeit > Unterrichtsqualität > Lernprozesse > Lernergebnisse. Der eigentliche Motor sind die individuellen Lernaktivitäten. Auf diese Kette wirken Kontextfaktoren ein, insbesondere die familiäre Lernumwelt sowie Merkmale des schulischen Kontextes und der Schulklasse (unter anderem die Klassengröße).

Die Orientierung am Angebots-Nutzungs-Modell kann kurzschlüssige Sichtweisen der Unterrichtswirksamkeit verhindern helfen:

  1. Unterricht ist zunächst einmal nur ein Angebot. Ob dieses genutzt wird, ob damit wichtige Bildungsziele erreicht werden und wer davon profitiert das hängt zwar ganz wesentlich, aber eben nicht nur vom Unterricht ab, sondern auch von Rahmenbedingungen, auf die Lehrpersonen kaum Einfluss haben. Dazu gehören Klassengröße und -zusammensetzung ebenso wie Anregungsgehalt und Bildungsnähe des Elternhauses.
  2. Lange unterschätzt, aber überragend wichtig: die Rolle des (fachlichen, fachdidaktischen und pädagogischen) Professionswissens sowie handlungsnaher Persönlichkeitsmerkmale von Lehrpersonen wie Geduld, Humor und vor allem Engagement. Lehrpersonen sind wichtige Modelle für das Lernen ihrer SchülerInnen und Gegenstand des Lernens sind nicht nur Schulfächer, sondern auch Einstellungen und Orientierungen.
  3. Eine gute Passung zwischen Unterrichtsangeboten und individuellen Lernvoraussetzungen ist eine Grundvoraussetzung für jeden Lernerfolg; zu Recht wird daher dem Prinzip der individuellen Förderung eine hohe Wichtigkeit zugeschrieben. Gerade hier ist allerdings die Kluft zwischen bildungspolitischen Erwartungen und Schulpraxis unübersehbar. Warum?


Das 100-Prozent-Missverständnis: die Befürchtung, dass individuelle Förderung eine umfassende und radikale Veränderung des Unterrichts erfordert. Nein, es gibt viele verschiedene Wege, die vom sogenannten „7g-Unterricht" (alle gleichaltrigen SchülerInnen erreichen zum gleichen Zeitpunkt bei der gleichen Lehrperson im gleichen Raum mit den gleichen Mitteln das gleiche Ziel gleich gut) wegführen. Auf jedem dieser Wege gibt es kleine und kleinste Schritte, die es sich zu gehen lohnt.

Verwechslung von OB und WIE: Individualisierender Unterricht ist nicht per se bereits guter Unterricht, ebenso wie lehrerzentrierter Unterricht nicht automatisch schlecht ist. Beides kann dilettantisch und lernhinderlich oder souverän und lernförderlich betrieben werden. Entscheidend sind Dosierung, Timing und Qualität, und genau hier kommen fachübergreifende Merkmale der Unterrichtsqualität ins Spiel, wie zum Beispiel Klassenmanagement, lernförderliches Klima, Klarheit und Strukturiertheit sowie kognitive Aktivierung.

GelingensbedingungenDass Individualisierung prinzipiell möglich ist, hat beispielsweise Reinhard Kahl in seiner DVD-Serie „Treibhäuser der Zukunft" gezeigt. Aber es gibt unverzichtbare Gelingensbedingungen: Dazu gehören ausreichende materielle und zeitliche Ressourcen sowie gut entwickelte diagnostische Kompetenzen.

Prof. Dr. Andreas Helmke lehrt an der Uni Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte sind Lehren und Lernen, Bildungsforschung und Kulturvergleich. Er ist Berater mehrerer Schulministerien in Deutschland und des Erziehungsministeriums in Vietnam.

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