Unterrichten

Die Windstille vertreiben

Friedrich Nietzsche bezeichnete die Langeweile als die „Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht“. Sicherlich gibt es diese Glücksfälle, in denen aus der Langeweile Momente der Kreativität und Zeiten der Schaffenskraft geboren werden. Aber kann man das auf die Schule übertragen?

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Der „glücklichen Fahrt“ des Lernens in der Schule geht häufig gerade keine Langeweile voraus. Im Gegenteil: Langeweile geht mit schwachen Leistungen und Unterrichtsstörungen einher. SchülerInnen langweilen sich zum Teil in über 80 Prozent der Unterrichtszeit, wie eine aktuelle empirische Untersuchung zeigt (Götz 2009). Eine der Ursachen für die Langeweile ist der hohe Redeanteil der Lehrpersonen. LehrerInnen sprechen in einer Stunde im Durchschnitt mehr als doppelt so lang wie all ihre SchülerInnen zusammen! Zieht man die Phasen ab, in denen nicht gesprochen wird – etwa die Einzelarbeit –, dann haben die LehrerInnen in den Unterrichtsaufzeichnungen, die für die DESI-Studie gemacht wurden, durchschnittlich einen Sprechanteil von 68 Prozent. Bei der TIMSS-Studie wurde sogar ein Sprechanteil von 76 Prozent gemessen (vgl. Klieme 2006: 47).

Die grauen Zellen wachrüttelnWas kann man also gegen die Windstille in den Köpfen tun? Die Antwort liegt nah: Den Unterricht so gestalten, dass die SchülerInnen kognitiv aktiviert werden. Die „glückliche Fahrt“ des Lernens findet in einem Unterricht statt, in dem sie selbst Zusammenhänge entwickeln können, anstatt sich in den vom Lehrer entwickelten Zusammenhang mit Antworten einordnen zu müssen. Die „glückliche Fahrt“ gelingt in einem Unterricht, in dem die SchülerInnen mehr selbst kommunizieren und weniger zuhören.

Weinert und in der Folge eigentlich alle Bildungsforscher, die sich mit der Frage nach dem „guten“ Unterricht beschäftigen (vgl. Jürgens/Standrop 2010), fordern daher einen schüleraktivierenden Unterricht. Dieser sei der eigentliche Schlüssel zum Lernen.

Der Rhythmus, bei dem jeder mit mussDenken: Unterricht, der die SchülerInnen kognitiv aktiviert, muss deshalb methodisch so arrangiert werden, dass er die Aktivität von jeder und jedem Einzelnen fordert. Damit alle sich gedanklich mit der Aufgabe auseinandersetzen können, muss also zunächst genug Zeit für die Einzelarbeit zur Verfügung stehen. Sichtbar wird die Aktivität während der Einzelarbeit, wenn die SchülerInnen aufschreiben, was sie denken.

Austauschen: Wer aber anschließend zum Unterrichtsgespräch übergeht, der kann beobachten, dass die Aktivierung schnell wieder nachlässt. Der Grad der Aktivierung wird jedoch hoch gehalten, wenn sich für die SchülerInnen zunächst eine Phase der Kooperation anschließt. Ist diese auch noch so strukturiert, dass die SchülerInnen aufeinander angewiesen sind, kann sich kaum jemand der Mitarbeit entziehen.

Vorstellen: Erst nach dieser Gruppenphase beginnt das Klassengespräch, in dem die Ergebnisse vorgestellt, revidiert und gebündelt werden können. Wohlgemerkt: Auf ein solches Unterrichtsgespräch sind jetzt alle SchülerInnen vorbereitet. Es entwickelt sich nicht wie von Zauberhand durch die geschickten Fragen der/des Unterrichtenden. Vielmehr stellt es den Kontroll- und
Revisionspunkt des Lernprozesses dar, den bis dahin alle durchschritten haben.

Unterricht, der weder diesen Dreischritt „Denken – Austauschen – Vorstellen“ zum Prinzip des Unterrichts macht, noch eine der vielen anderen kooperativen Methoden anwendet, kann die Lernenden in der Regel nur kurzfristig aktivieren. Demgegenüber sind das Grundprinzip und die Verfahren des Kooperativen Lernens ideal, um alle Lernenden im Lernprozess mitzunehmen.

Der Effekt: Grammatik ist cool!SchülerInnen wissen diesen Unterricht zu schätzen. So berichten Kinder, die häufig im Kooperativen Lernen arbeiten, dass sie sich eingebunden fühlen, dass sie mit Freude mit- arbeiten und viel besser lernen als in anderen Unterrichtsformen. Von Langeweile keine Spur – oder wie ein Fünftklässler einmal nach zwei aufeinander folgenden Deutsch-Doppelstunden sagte: „Vier Stunden Grammatik – das ist cool!“ Auch ältere SchülerInnen profitieren vom Kooperativen Lernen. Ein Schüler aus dem 12. Jahrgang schrieb in einer Umfrage: „Durch die Zusammenarbeit verstehe ich häufig die Zusammenhänge noch besser, da sie ein Mitschüler erklärt. Und bei schwierigen Texten ergänzen wir uns häufig.“

Wenn also die Frage gestellt wird, wie die allenthalben geforderte Schüleraktivierung zu realisieren sei, so bietet das Kooperative Lernen eine umsetzbare Antwort. Umsetzbar deshalb, weil mit ihm auch unter den gegenwärtigen, schwierigen Bedingungen (hohe Lehrverpflichtung bei großer Klassengröße) in der Praxis begonnen werden kann. Kooperatives Lernen in unserem Sinne ist allerdings nicht als bloße Sammlung von Methoden zu verstehen, sondern als Gesamtkonzept für guten, schüleraktivierenden Unterricht (vgl. Brüning/Saum 2009 und 2010). Das professionell angeleitete Kooperative Lernen führt über eine breite kognitive Aktivierung der SchülerInnen zu besseren Lernergebnissen – gerade weil es die Windstille in den Köpfen der jungen Menschen vertreibt.

Auszüge aus: nds 1-2011

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