Unterrichten

Kooperatives Lernen braucht Einzelarbeit

Als Unterrichtende fragen wir uns immer wieder, wie wir unseren Unterricht anlegen können, damit möglichst viele SchülerInnen an der Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsgegenstand beteiligt sind.

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Die oftmals nur vereinzelte, auf eine kleine Gruppe begrenzte, aktive Mitarbeit im Unterricht könnte daran liegen, dass es die Unterrichtsabläufe vielen SchülerInnen nicht ermöglichen oder auch von ihnen nicht erfordern, am eigentlichen Denkprozess aktiv teilzunehmen. Vor diesem Hintergrund bekommt die Einzelarbeit im Kooperativen Lernen eine besondere Bedeutung, die sich in einem grundsätzlichen Unterrichtsablauf widerspiegelt. Frank Lymann und Mitarbeiter haben dieses äußerst einfache, aber sehr wirksame Lehrprinzip formuliert:

Denken – Austauschen – Vorstellen (Think – Pair – Share)1. Denken: In dieser Phase arbeiten alle SchülerInnen allein.
2. Austauschen: Jetzt findet der Vergleich von Ergebnissen, die Diskussion abweichender Resultate etc. in Partnerarbeit oder in der Kleingruppe statt.
3. Vorstellen: Die Teamergebnisse werden in der Klasse vorgestellt, diskutiert, verbessert, korrigiert etc.

Warum ist dieses einfache Prinzip so wirksam?

  • Zunächst ist zu sagen, dass dieses Prinzip Sicherheit gibt. Sicherheit für die schwachen oder stillen SchülerInnen, die sich nur ungern am Klassengespräch beteiligen. Sie haben die Gelegenheit, in einem definierten Rahmen nachzudenken und können sich in der Austauschphase dann noch gegenseitig unterstützen.
  • Vom Ablauf her wird jede/r SchülerIn anfänglich mit der Aufgabe allein gelassen. Hier ist er gefordert, muss sich der Aufgabe stellen. Er kann nicht davon ausgehen dass nur die SchülerInnen aufgerufen werden, die sich melden. Dies fördert die individuelle Verantwortung für das Lernergebnis.
  • Die kognitive Durchdringung von Sachverhalten wird, wie man heute aus der neueren Lernpsychologie weiß, im kommunikativen Prozess vertieft. Die Austauschphase ist somit unmittelbar lernwirksam.
  • Im Hinblick auf das Gelingen des Kooperativen Unterrichts ist zu sagen, dass erst die individuelle Auseinadersetzung mit einer Fragestellung, einem Text, einer Mathematikaufgabe etc. gewährleistet, dass alle Teammitglieder aktiv und verantwortlich zum Gelingen kooperativen Lernens beitragen können.
  • Im Austauschprozess werden die kommunikativen Fertigkeiten der SchülerInnen gefördert. Wer noch Informationen benötigt, wir dem anderen aufmerksam zuhören. Er wird im ggf. Fragen stellen, wenn etwas unklar ist. Der andere hingegen muss sorgfältig berichten, darlegen und informieren. Kurz: Gegenseitige Rücksichtnahme und Kommunikation wird gefördert.
  • Das Bedürfnis nach Kommunikation ist allen Menschen gegeben. Im Unterricht wird dem häufig nicht ausreichend Raum gegeben. Daraus resultieren nicht wenige Unterrichtsstörungen. Beim kooperativen Lernen wird quasi systembedingt Kommunikation gefördert und Unterrichtsstörungen werden reduziert.
  • Die Beteiligung aller am Unterrichtsgeschehen Beteiligten steigt. Das erhöht auf Seiten der Unterrichtenden, aber auch der Lernenden, die Zufriedenheit und Motivation. Beides wirkt sich positiv auf das weitere Lernen aus.


Ein universelles Muster kooperativen Unterrichtens
Mitunter ist zu hören, dass dieses Vorgehen besonders gut an dieser oder jener Stelle im Unterricht, zum Beispiel zur Auflockerung des Lehrervortrags, einsetzbar sei. Diese Aussagen erfassen aber nicht die Grundsätzlichkeit des Ablaufs. Unterricht, der die einzelne Denkaktivität der SchülerInnen und die Kooperation fördern will, kann immer in diesem Dreischritt organisiert sein, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht sofort deutlich ist. Deshalb kann dieser Ablauf eine mehrstündige Sequenz strukturieren, er kann aber auch nur ein Element zu Beginn einer Stunde markieren und die Aufmerksamkeit aller SchülerInnen auf das Thema richten (s. Abb. S. 38).

Wie soll ich dieses Prinzip in den Unterricht integrieren?Fange gleich morgen an, wenn Du den Unterricht beginnst oder beendest! Wenn Du Deinen Unterricht durch dieses Prinzip ergänzt, solltest Du anfänglich konkrete Zeitvorgaben machen und auf die strikte Einhaltung der Einzelarbeit achten. Dies ist erfahrungsgemäß die größte Herausforderung, die aber dadurch überwunden wird, dass Du Deinen SchülerInnen begründest, weshalb Du diesen Dreischritt einführst. Sei beharrlich. Der Erfolg wird sich schnell einstellen.

Auszüge aus: Lernende Schule 33/2006

Den kompletten Text gibt es als pdf zum Download.

Sie müssen sich anmelden, um diesen Inhalt zu nutzen.