Unterrichten

Kooperatives Lernen im Schulalltag

Auf der Suche nach Ansätzen, die unterrichtliche Arbeit zu verbessern, stoßen immer mehr LehrerInnen auf das Kooperative Lernen. Und auch in den Hochschulen und Studienseminaren erfährt das Kooperative Lernen zunehmend Beachtung. Diese Aufmerksamkeit ist vor allem darin begründet, dass durch das Kooperative Lernen der Unterricht wirksamer wird und es gelingt, die SchülerInnen stärker als bisher mental zu aktivieren.

Ludger Brüning/Tobias Saum

Was ist Kooperatives Lernen?Der Kern des Kooperativen Lernens ist eine ebenso schlichte wie wirksame Struktur. Sie hat drei Elemente, die beim Kooperativen Lernen immer wieder neu kombiniert werden.

Das erste Element ist die Einzelarbeit. Ganz gleich, welches Verfahren man wählt, am Anfang steht die Einzelarbeit, in der die SchülerInnen ihr Vorwissen mit dem neuen Wissen verbinden und so ihre eigenen Wissenskonstruktionen ausbauen (Konstruktion).

Das zweite Element ist die Kooperation mit dem Partner oder in der Kleingruppe, die immer im Anschluss an die Einzelarbeit stattfindet. Jetzt tauschen die SchülerInnen ihre individuellen Wissenskonstruktionen aus und entwickeln so eine Ko-Konstruktion, in die Widersprüche, Ergänzungen oder Korrekturen einfließen (Ko-Konstruktion 1).

Das dritte Element ist die Präsentation der Ergebnisse. An dieser Stelle werden die Ergebnisse der Kooperation in der Klasse vorgestellt, geprüft und diskutiert (Ko-Konstruktion 2). Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit und Aktivität der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich hoch gehalten.

Dieser Dreischritt „Denken – Austauschen – Vorstellen“ (Brüning/Saum 2006, S. 23) ist das Herz des Kooperativen Lernens.

Variationen der GrundstrukturDen Dreischritt „Denken – Austauschen – Vorstellen“ zum Kern des eigenen Unterrichts zu machen, bedeutet nicht, ihn in immer derselben Form zu wiederholen. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, diese Struktur immer wieder neu zu kombinieren. Alle Arrangements des Kooperativen Lernens variieren diesen Dreischritt.

Hinter dem Konzept des Kooperativen Lernens steht eine Vielzahl von strukturierten Unterrichtsarrangements und Einzelmethoden, die in Abhängigkeit von den Lernzielen und Lernsituationen immer wieder neu kombiniert werden können. Daher sprechen wir hier von der Dramaturgie des Unterrichts. Sie als Unterrichtende müssen sich immer die Frage stellen, ob Du es mit einer bestimmten Form des Kooperativen Lernens Deinen SchülerInnen ermöglichen kannst, angestrebte Lernzuwächse zu erreichen.

Die individuelle Verantwortung der SchülerInnenErfolgreicher Unterricht erwächst unter anderem aus der Einsicht, dass unsere SchülerInnen in vielen Situationen durch Kommunikation effektiv lernen. Dabei ist die/der Einzelne für ihren/seinen Lernfortschritt, aber auch für den der Gruppe verantwortlich. Diese Verantwortung muss beim Kooperativen Lernen deutlich und überprüfbar werden. Denke hier nur an den Grundsatz „Keine Kooperation ohne Einzelarbeit“. Wer nach dieser Phase keine Arbeitsergebnisse oder Vermutungen vorzeigen kann, der sollte in der Regel noch nicht in die Kooperation. So wird für jede/n SchülerIn deutlich, dass sie/er ihren/seinen Teil zum Gesamtergebnis beitragen soll.

Die Einzelarbeit anleitenStrukturen zu geben, sie einzufordern und zu begleiten, ist bei der Einführung des Kooperativen Lernens eine zentrale Aufgabe der/des Unterrichtenden. Weise daher Deine SchülerInnen konsequent darauf hin, dass erst gesprochen werden darf, wenn Du die Einzelarbeitsphase beenden.

Beantworte auftretende Schülerfragen in der Einzelarbeit möglichst zurückhaltend. Denn die sich anschließende Kooperation bietet in der Regel ausreichend Gelegenheit, diese Fragen zu klären. Wenn Du hier bereits Lösungen vorwegnimmst, wird die Kooperation in der Gruppe entwertet.

Mache es zum Grundsatz Deines Unterrichts, dass die SchülerInnen in der Einzelarbeit immer schriftlich arbeiten. Auch wenn die SchülerInnen die Aufgabe in der Einzelarbeit nicht bewältigen, können sie doch Fragen aufschreiben, die in der Phase der Kooperation in der Kleingruppe aufgegriffen werden können.

Die Kooperation begleitenZunächst solltest Du überlegen, wie Du den Austausch in der Gruppe strukturierst. Soll nur ein Gruppenmitglied das Ergebnis vorstellen, so dass die anderen Gruppenmitglieder lediglich das noch Fehlende zu ergänzen brauchen, oder sollen die Ergebnisse im Uhrzeigersinn vorgestellt werden? Arbeite möglichst immer mit Dreier- und Vierergruppen.

Von eher grundsätzlicher Natur ist die Frage, wie sich die/der Unterrichtende während der Kooperation der Gruppen verhält. Hierzu drei Hinweise:

  • Wir empfehlen Dir, während der Kooperation auf Fragen der Gruppen nur so zu antworten, dass die Gruppe den nächsten Schritt im Lernprozess vollziehen kann. Lass dir das Problem sorgfältig darlegen und gib dann einen Impuls, der die Weiterarbeit ermöglicht (responsive Lehrerintervention).
  • Wenn Du hingegen das Gefühl verspürst, in die Kooperation eingreifen zu müssen, ohne dass Fragen der SchülerInnen aufgetaucht sind (invasive Lehrerintervention), dann vergegenwärtige Dir, dass dieses Lehrerverhalten die Kooperation in der Regel nachhaltig stört und die Lernergebnisse nachweislich schlechter ausfallen.
  • Häufig ist zu beobachten, dass während der Kooperation die gesamte Klasse angesprochen wird. Vermeide diese Form der Intervention möglichst, da so die Arbeit in allen Gruppen unterbrochen wird.


ZeitvorgabenEs hat sich bewährt, die Arbeitsaufträge immer mit konkreten Zeitvorgaben zu formulieren. Hier wirst Du vermutlich als Berufsanfänger so manche Überraschung erleben. Aber bedenke: „Schüler lernen immer.“ (M. Spitzer) Sie lernen eben auch, ob ein/e bestimmte/r LehrerIn sich fast nie an die eigenen Zeitvorgaben hält oder auf Zeitvorgaben verzichtet. Dann werden die SchülerInnen häufig nicht unmittelbar anfangen zu arbeiten, da sie sich zunächst eher privaten Gedanken oder Gesprächen hingeben können. Plane deshalb Deine Zeitvorgaben sorgfältig und behalte sie im Blick.

Präsent sein, lenken, bündeln, fokussierenEinerseits muss die/der Unterrichtende sich in den Kooperationsphasen zurückhalten, moderieren und beobachten. Anderseits muss er den Unterricht an Gelenkstellen steuern und fokussieren, zum Beispiel nach der Präsentation der Arbeitsergebnisse. Für Dich geht es also um zwei Dinge: Zunächst müssen im Unterricht die bekannten Formen der Einzelarbeit und Kooperation in neuer Weise arrangiert werden. Darüber hinaus gilt es, die eigene Lehrerrolle im Kooperativen Unterricht neu zu bedenken.

Dramaturgie des UnterrichtensSelbstverständlich darf eine Unterrichtssequenz nicht nach dem dritten Schritt, der Präsentation von Ergebnissen, enden und der Unterricht zu einem neuen Thema übergehen. Denn dann führt auch das Kooperative Lernen nicht zu nachhaltigem Lernen. Vielmehr müssen nach dem Vorstellen weitere Phasen folgen, in denen das Erarbeitete problematisiert, gesichert und vertieft wird, häufig wieder mit Formen des Kooperativen Lernens.

Ökonomische UnterrichtsvorbereitungDas Kooperative Lernen verlangt nur selten nach gesonderten Medien oder Lernmaterialien. Gute, dem Lernstand und Leistungsvermögen Deiner SchülerInnen entsprechende Schulbücher lassen sich problemlos beim Kooperativen Lernen verwenden. Notiere Dir die Zeitvorgaben, damit Du im Unterricht präzise Angaben machen kannst. Wir empfehlen Dir, bei allen Unterrichtshilfen, die Du nutzt, zu prüfen, ob die beschriebenen Unterrichtsarrangements konsequent den Dreischritt „Denken – Austauschen – Vorstellen“ berücksichtigen.

ErmutigungDie Routinen des Kooperativen Lernens führen zu einem ruhigen Unterrichtsablauf. Der Dreischritt als Kern des Unterrichts gibt Dir Sicherheit, da die SchülerInnen nach einiger Zeit sehr selbstständig innerhalb der Strukturen agieren können. Gleichzeitig reduzieren sich viele Unterrichtsstörungen, da durch die Kooperation dem Bedürfnis der SchülerInnen nach Kommunikation Rechnung getragen wird.

Wenn Du Dir das Kooperative Lernen als ReferendarIn aneignen und zunehmend professioneller wirst, dann wirst Du es im Berufsalltag als entlastend erleben. Nimm Dir Zeit, es schrittweise einzuführen und integriere es in den Unterricht, den Du schon machst. Es lohnt sich.

Auszüge aus: Elaan. Magazin für Lehramtsanwärter/innen. Nr. 35, Oktober 2007

Den kompletten Text inklusive Praxisbeispiel für das Fach Deutsch gibt es als pdf zum Download.

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