Unterrichten

Aufmerksamkeit als Herausforderung

Ein Grundproblem des gemeinsamen Unterrichts ist es, dass viele Schüler sich häufig nicht aufeinander einlassen, dem Mitschüler oder auch der Lehrkraft nicht so zuhören, dass sie die Informationen aufnehmen. Wie kann eine wechselseitige Aufmerksamkeit herausgefordert und ein wirklicher Lernprozess in Gesprächen in Gang gesetzt werden?

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Die SchülerInnen hören sich in der Phase der Gruppenarbeit oft nicht wirklich zu. Sie vergleichen die Aussagen der MitschülerInnen eben nicht mit ihrem eigenen Wissen. Im Unterricht ist es deshalb sinnvoll, die Fähigkeit zum Austausch, zum echten Gespräch dadurch zu fördern, dass die SchülerInnen durch die Aufgabenstellung gehalten sind sich gedanklich auf den Partner einzulassen (Brüning/Saum 2006).

Ein Blick ins Klassenzimmer: Ergebnisse austauschenDie SchülerInnen lesen im Chemieunterricht in ihrem Schulbuch einen Textausschnitt und haben die Aufgabe, die zentralen Informationen herauszuarbeiten. In dem Text wird in das Thema »chemische Reaktionen« eingeführt. Alle SchülerInnen lesen den Text zunächst in Einzelarbeit. In der anschließenden Partnerarbeit tauschen sie sich dann aus. Die SchülerInnen müssen nun der/dem NachbarIn die zentralen Informationen des Textes vorstellen. Dabei sollten sie aber zwei Fehler einbauen, die der Partner erkennen und berichtigen soll.

Anschließend beginnt in der Klasse eine sichtbar engagierte Partnerarbeit. Nach dem ersten Durchgang wechseln die Rollen. Nach einem sehr kurzen Unterrichtsgespräch mit Lehrerzusammenfassung, werden die SchülerInnen von der Lehrkraft aufgefordert in einem Wechsel aus Einzel- und Partnerarbeit einen Merktext zu formulieren, in dem sie darstellen, was unter einer chemischen Reaktion zu verstehen sei. Die Spannung in der Austauschphase war für die einzelnen SchülerInnen offensichtlich sehr groß.

Aber was ist das Besondere an diesem kleinen Trick? Nun, durch den bewussten Einbau von Fehlern müssen sich alle SchülerInnen sehr genau mit dem Inhalt des Textes auseinandersetzen. Unsere Erfahrung ist, dass sich alle SchülerInnen sehr engagiert austauschen und sich eben genau zuhören, wenn es gilt, Fehler zu erkennen. Mit dieser kleinen methodischen Erweiterung, die keiner zusätzlichen Unterrichtsmaterialien bedarf, werden also die Gesprächerziehung und die inhaltliche Auseinandersetzung zum Unterrichtsgegenstand gleichzeitig gefördert.

Neun Strategien für effektive PartnerarbeitEine gängige Anweisung, im Anschluss an eine Einzelarbeitsphase im Unterricht lautet: „Tausche dich mit deinem Partner aus.“ Diese Anweisung hat im Unterricht häufig ihre Berechtigung. Aber sie veranlasst die SchülerInnen nicht zwangsläufig, sich aufeinander einzulassen und aufmerksam den Ausführungen des Partners zu folgen. Alternative Arbeitsanweisungen und Austauschstrukturen sind oftmals lernwirksamer und fördern ein positives Gesprächsverhalten. Im Folgenden sind mehrere Ideen zur Partnerarbeit aufgelistet, die sowohl die kommunikative Kompetenz fördern als auch die kognitiven Anforderungen fokussieren.

1. Berichten – paraphrasierenEin Partner A gibt dem anderen die gewünschte Information oder erklärt einen Prozess. Dann gibt der Partner B das Gehörte mit eigenen Worten wieder und A prüft, ob die Zusammenfassung angemessen realisiert wurde.

2. Berichten – korrigierenDer Schüler A stellt eine bestimmte Information vor, darin sind aber absichtlich Fehler eingebaut. Schüler B muss nach der Vorstellung herausfinden, was falsch vorgestellt wurde.

3. Berichten – einigenDie Partner sollen einen Konsens finden, bevor sie ihr Ergebnis in der Gruppe oder im Plenum vorstellen. Dies ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn es nicht nur eine richtige Lösung gibt. Es zwingt die SchülerInnen, die Ergebnisse intensiv in den Blick zu nehmen, erhöht die Kommunikation und die Durchdringung von Problemstellungen.

4. Berichten – umdrehenDer erste Partner gibt die Information in sachlogischer oder chronologischer Reihenfolge, der andere gibt die Informationen rückwärts oder umgekehrt wieder, ohne Details wegzulassen. Hier wird träges Wissen flexibilisiert.

5. Berichten – weiterführenDer erste Partner formuliert eine Gedankenkette aus dem Unterricht. Der Partner B hat die Aufgabe, diese Gedankenkette fortzuführen und dabei seine Ideen oder Gedanken ins Spiel zu bringen. Mentale Netze werden aktiviert und Wissen neu verankert.

6. Berichten – ergänzenDer Partner A stellt sein Wissen vor, beginnt eine Geschichte oder eine Abfolge von Ideen oder Fakten. Der andere Partner ergänzt Informationen oder Details. Dies ist vor allem dann sinnvoll, wenn Wissen wiederholt werden soll.

7. Das Denken verbalisierenJede/r erklärt dem anderen, wie die Phase der Einzelarbeit genutzt wurde, um zu dem Ergebnis zu kommen. Dabei nehmen die SchülerInnen ihre Gedanken in den Blick (Metakognition einüben: Sie werden sich bewusst, wie sie selber zu Lösungen gelangen.).

8. Zu zweit „checken“In der Einzelarbeit eignen sich die Lernenden in kurzer Zeit überschaubare und eindeutige Fakten an. Anschließend fragen sich die Partner wechselseitig ab. Eventuell tauschen die Partner mit einem anderen Duo und prüfen ihr Wissen erneut. Wenn die SchülerInnen sich im Unterricht Wissen aneignen und memorieren sollen, dann ist zu beachten, dass eine Wiederholung in einem Zeitfenster von 90 Minuten eintreten muss, um die Wissensaufnahme in das Kurzzeitgedächtnis in eine Aufnahme in das Langzeitgedächtnis umzuwandeln.

9. Aktives ZuhörenPartner B wiederholt zunächst mit eigenen Worten den Beitrag, den Partner A zuvor formuliert hat. Dazu fragt er in dieser oder ähnlicher Weise: »Jens, habe ich Dich richtig verstanden, wenn ich sage, dass Du der Meinung bist, dass wir hier einen Fehler gemacht haben?« Schüler A reagiert auf die Frage und bestätigt die Frage beziehungsweise präzisiert seine Aussage.

Worauf sollten Sie zu Beginn achten?

  • Einige dieser Partnerarbeitsformen sind für unsere SchülerInnen relativ anspruchsvoll. Dann ist es sehr hilfreich, wenn Du vor der eigentlichen Arbeitsphase zum Beispiel das aktive Zuhören mit einer/einem SchülerIn vor der Klasse demonstrieren.
  • Überlege Dir genau, welche Vorgaben zum Austausch Du machen möchtest. Wenn es sich um Kreisläufe, Abläufe und Chronologien handelt, dann bietet es sich an, die Ereignisse rückwärts berichten zu lassen. Werden Dinge aufgezählt, so kann man Einzelheiten weglassen und nach Ergänzungen fragen. Sachzusammenhänge können immer auch durch zu suchende Fehler interessant gemacht werden. Hast Du im Blick, dass es auch hier einen Zusammenhang zwischen der Sache und der Aufgabenstellung gibt.
  • Achte darauf, dass die SchülerInnen in der Einzelarbeit noch nicht mit dem Partner ins Gespräch kommen. Weise darauf hin, dass nach der Einzelarbeitsphase ausreichend Zeit bleibt, um die Ergebnisse auszutauschen.
  • Variiere die einzelnen Möglichkeiten: Wenn Du neben den neun Strategien noch weitere Ideen entwickelst, dann scheue Dich nicht, diese auszuprobieren.
  • Denke an eine Abschlussreflexion: Du musst nicht sehr viel Zeit beanspruchen, eine Blitzlichtrunde, bei der zuvor jede/r SchülerIn eine Minute lang nachdenkt, nimmt kaum mehr als fünf Minuten in Anspruch. So erfährst Du, wie die Strategien aus Sicht der Lernenden wirken und regen gleichzeitig zur Reflexion des Lernprozesses an.
  • Wenn die Lerngruppen wenig Übung im Kooperativen Lernen besitzen, dann solltest Du anfänglich den Umfang der vorzustellenden Informationen begrenzen, um so gut zu bewältigende Austauschprozesse zu gewährleisten. Im Laufe der Zeit kannst Du hier die Anforderungen langsam steigern.


Warum diese Strategien wirksam sind
Wenn sich SchülerInnen über die zu unterstreichenden Schlüsselbegriffe einigen müssen, dann findet ein intensiver Austausch über den Text und über die Sinnkonstruktion beider Partner statt.

Wenn die SchülerInnen wechselseitig etwas vorstellen, dabei aber einen Fehler einbauen oder es in der umgekehrten Reihenfolge vorstellen, müssen die Lernenden den Sachzusammenhang genau verstehen, bevor sie ihn dem Partner vorstellen. Der Partner wiederum muss aufmerksam zuhören, um die Fehler zu erkennen, Fehlendes zu ergänzen oder den Ablauf zu korrigieren. Auch hier ist das wechselseitige Zuhören und Nachvollziehen zwingend für die erfolgreiche Bewältigung der Aufgaben. Wir beobachten fast immer, dass unsere SchülerInnen durch diese Form der Aufgaben sehr motiviert werden. Der Rätselcharakter motiviert die Lernenden. Dies gilt im Übrigen auch für Erwachsene, wie uns die TeilnehmerInnen in vielen Fortbildungen zurückmelden.

Auszüge aus: Schulmagazin 5 bis 10 10-2006

Den kompletten Text mitzahlreichen Praxisbeispielen gibt es als pdf zum Download.

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